Elf Wengertergenerationen Zaiß
Über 400 Jahre ungebrochene Weinbau-Familientradition in Stuttgart

von Wulf Wager



Sein Geburtsdatum ist unbekannt, aber am 27. Januar 1612 starb der Stammvater der Familie,
Moriz Zaiß, in Cannstatt. Wann er geboren ist, lässt sich den alten Akten nicht entlocken. Aber seine Zeugungskraft ist dokumentiert. Der aus Kirchheim am Neckar stammende Ahnherr hinterließ sechs Kinder. Eines davon machte richtig Karriere und wurde der erste Weingärtner der Familie Zaiß. Als „Vinitor“, also Weinmacher, Bürgermeister, Ratsverwandter und Senator wird der 1611 geborene Johannes in den Kirchenbüchern bezeichnet. Auch dessen Sohn Mauritio-Hanß Zaiß (*1646, † 1731) war Vinitor, Bürgermeister, Gerichtsverwandter und Consul. Die Bezeichnung „Gerichtsverwandter“ findet sich in der Zaiß’schen Ahnenlinie immer wieder. Es ist eine altertümliche Bezeichnung für eine Art Stadtrat beziehungsweise das Mitglied eines Ortsgerichts. Auch diese Tradition hat in der Familie Bestand, denn der Seniorchef des heutigen Weingutes, Konrad Zaiß, ist Stadtrat der Freien Wähler im Stuttgarter Gemeinderat.


Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Foto: DWI
Der erste in Obertürkheim ansässige Zaiß war Conrad Friedrich (*1738, † 1810). Über dessen Vater Johann Moriz (*1698, †1779) steht in den Kirchenbüchern zu lesen, dass er nicht nur Gerichtsverwandter, Heiligenpfleger und ältester Richter war, sondern auch ein „anständiger Mann“. Und so setzt sich die männliche Linie der Familie Zaiß fort: Über elf Generationen wird ununterbrochen der Weinbau gepflegt. Damit ist die Familie Zaiß die älteste Wengerterfamilie Stuttgarts, in der in ununterbrochener Folge alle männlichen Hoferben ihr täglich Brot mit der Erzeugung des edlen Rebensaftes verdienten. Was Wunder also, dass das Wissen um die Qualität des Weines ein besonders geerdetes Terroir hat.



Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Qualität: Nur erlesene Trauben gelangen
bei der Winzerfamilie Zaiß in den Verarbeitungsprozess. Foto: Wulf Wager

Tradition und Moderne

Ein großes goldenes „Z“ mit einer Traube steht als Logo für das Weingut. „Z“ wie Zaiß. Es prangt auch über dem neu gestalteten Verkaufsraum im alten Ortskern von Obertürkheim. Und so steht das „Z“ auch für Zukunft. Auf allen Flaschen und Gläsern, in der Internetpräsenz, auf allen Drucksachen steht das „Z“ als sogenanntes Corporate Design für Zaiß als Marke. „Z“ wie Zuverlässigkeit. Denn mit Zuverlässigkeit bieten die Zaißens höchste Qualität!

Juniorchef Christian Zaiß ist stolz auf die Familiengeschichte, der auch er sich ganz verpflichtet fühlt. Dennoch ist der 32-jährige Diplom-Ingenieur für Önologie (Weinbau und Kellerwirtschaft) einer, der überlegt neue Wege geht. Während seines Studiums hat sich Christian als Stipendiat neue Anregungen an der renommierten University of California in Davis geholt. Überhaupt schöpfen gerade die jungen Winzer Württembergs zwar aus dem Wissen der Altvorderen, sind aber auch aufgeschlossen für Neues. So wagen sich Christian und sein Vater Konrad schon auch mal an Rebsorten, die man in der Region Stuttgart bislang seltener anbaut. Den Sauvignon blanc beispielsweise, den Merlot oder den Cabernet Sauvignon - Weine mit südlichem Charakter, die gut gelungen sind und die bei den Weinzähnen Anklang finden.

Um junge Leute von den zuckersüßen Party-Mixgetränken weg und an den Württemberger Wein heranzuführen, hat Christian eine „Junge Linie“ mit vier Weinen kreiert, die sich schon optisch mit durchsichtigen Etiketten von den edlen schwarzen mit dem goldenen „Z“ der sonstigen Zaiß-Weine unterscheidet. Es sind feinherbe „Edelsteine“. Der „Weiße Rubin“ ist ein weiß gekelterter, feinherber Trollinger. Zu ihm gesellt sich sein dunkler Bruder, der „Schwarze Granat“, ein fruchtiger und kraftvoller Dornfelder. Auch sein Vetter, der „Rote Kristall“, ein fruchtiger Spätburgunder Weißherbst, und der „Grüne Diamant“, ein frischer, junger Silvaner, gehören in die Edelsteinfamilie. Alle Weine sind feinherb und dennoch nicht zu lieblich. Es sind ganz besondere Weine, für die die Familie Zaiß jeweils ein Oxymoron als Bezeichnung verwendet. Das ist eine rhetorische Figur, bei der aus zwei sich scheinbar widersprechenden Begriffen ein neuer gebildet wird. So ist der „Weiße Rubin“ eigentlich ein Rotwein, nämlich ein Trollinger, der weiß gekeltert wurde. Da der Farbstoff der roten Trauben ausschließlich in der Beerenhaut steckt, wird nur der freie Saftablauf verwendet und es findet keine Maischegärung statt.

Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
"Edelsteine": Die "Junge Linie" aus feinherben Weinen
Foto: Wulf Wager


„Weintrinken muss man lernen“, sagt Gerlinde Zaiß, der Wirbelwind und die gute Seele im Betrieb. „Mit der Edelsteinlinie möchten wir junge Leute an gute Weine heranführen und Lust auf weitere Entdeckungsreisen in die wunderbare Welt der Zaiß’schen Weine machen“, sagt sie aus voller Überzeugung und dennoch mit einem neckischen Augenzwinkern. Gerlinde managt das Büro und den gastronomischen Teil des Unternehmens Zaiß. Davon später mehr.



Ökologisch sinnvoll

Im Herzen Württembergs wachsen an den Hängen des Neckartales die Rebstöcke der Familie Zaiß. Mit viel Mühe, Handarbeit und großem Sachverstand aus zahlreichen Weingärtnergenerationen kultivieren sie typische württembergische Rot- und Weißweine, die das Terroir dieser Weinberge widerspiegeln. Im Weinberg achten sie besonders auf einen naturnahen, ökologisch sinnvollen Anbau. Durch einen kurzen Anschnitt der Triebe werden hohe Qualitäten erzielt. Eine schonende Verarbeitung vom Weinberg bis zur Flasche ist dabei sehr wichtig. „In der Tradition verwurzelt, der Moderne verpflichtet, so bauen wir unsere Weine aus“, sagt Christian Zaiß. „Wir verbinden stets die Erfahrungen des traditionellen Weinbaus mit den Vorteilen moderner Technologien und Erkenntnisse.“



Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Markenzeichen: Auf jeder Flasche prangt das goldene Zaiß-"Z" Foto: Wulf Wager
Weinqualitäten – ausgezeichnet durch glänzende Sterne

Die Prädikatsbezeichnungen führen bei den Kunden oft zu Missverständnissen – so die Erfahrung der Zaißens. Deshalb hat das Obertürkheimer Weingut im vergangenen Jahr einhergehend mit einem neuen Logo und neuem Etikettendesign komplett auf ein Sternesystem umgestellt. Mit einem Stern kennzeichnen sie hervorragende Weine aus ertragsreduziertem Anbau. Hierbei ernten sie circa 70 Liter aus einem Ar. Zur Ertragsregulierung werden deshalb Trauben im grünen Zustand aus den Rebstöcken geschnitten, damit sich die Kraft der Natur in den noch am Rebstock verbleibenden Beeren konzentriert. Sorgsam beobachten die Wengerter in der Wachstumsphase die Rebstöcke und deren Früchte, um auf Wetterkapriolen schnell reagieren zu können. Bei der Ernte werden die Beeren noch einmal sorgfältig begutachtet und ausgelesen. Was dann in die Bütte kommt, sind gesunde reife Beeren.

Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Verschnaufpause: Gerlinde und Konrad Zaiß inmitten ihrer Gäste. Foto: Wulf Wager

Mit zwei Sternen kennzeichnen die Zaißens exzellente Weine aus stark ertragsreduziertem Anbau. Lediglich 60 Liter, gewonnen aus vollständig gesunden Trauben, werden hier aus einem Ar geerntet. Der gewissenhafte und schonende Ausbau im Keller verleiht diesen Weinen ein einzigartiges Aroma. In der Reifephase werden sie regelmäßig probiert und kontrolliert und schließlich abgefüllt. Mit drei Sternen werden die absoluten Spitzenprodukte geadelt. Das sind Weine, die nur in sehr kleinen Mengen, dafür aber in absolut herausragender Qualität angeboten werden. Auf 50 Liter pro Ar werden die Erträge aus den Spitzenweinbergen reduziert. Dabei kommen hochkomplexe, dichte Weine aus dem Fass, die ein großes Lagerpotenzial haben und vorzüglich für besondere Genussmomente geeignet sind. Für diese Drei-Sterne-Weine hat sich die Familie Zaiß etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sie tragen allesamt die Namen ihrer Vorfahren und deren Geburtsjahr. Zum Beispiel der Spätburgunder trocken „Hanß Christian 1657“, ebenso im Barrique gereift wie der Gewürztraminer „Emilie Luise 1893“. Mit diesen Weinen steht das Weingut Zaiß auf einer Stufe mit den ganz großen Weinerzeugern in der Region – und wirkt somit weit über Obertürkheim hinaus.

Das hat sich bis in die Bundeshauptstadt herumgesprochen. Schon zweimal sind Christian, Gerlinde und Konrad Zaiß zum Sommerfest des Bundespräsidenten nach Berlin in den Park des Schlosses Bellevue eingeladen worden, um dort ihre Weine zu kredenzen. Aus mehreren Weinanbaugebieten Deutschlands war jeweils nur ein Betrieb vertreten. „Als einer von mehreren Tausend Weinerzeugern im Land ist das natürlich eine besondere Auszeichnung“, freut sich Christian Zaiß. „Mit einem 2008er Lemberger trocken Barrique, einem 2009er Riesling Spätlese trocken und dem ,Weißen Rubin‘, unserem weiß gekelterten Trollinger, trafen wir den Geschmack der 5700 Gäste.“ Der Bundespräsident, der Bundestagsvizepräsident und viele weitere hochkarätige Gäste aus Wirtschaft und Politik besuchten die Schwaben und genossen ihre Weine.



Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Zünftig: Beim Hoffest der
Familie Zaiß gibt es leckere
schwäbische Spezialitäten.
Foto: Zuckerfabrik / Thomas Zörlein

Sonnen-Besen und Hoffest in Obertürkheim

Dreimal im Jahr lädt die Familie Zaiß zum Feiern ein: Was in Franken als „Häckerwirtschaft“, in anderen Teilen Deutschlands als „Buschen-“, „Straußen-“ oder „Kranzwirtschaft“, in Österreich als „Heuriger“ bekannt ist, heißt im Schwäbischen einfach „Besa“. In Obertürkheim heißt es sogar noch schöner: „Sonnen-Besen“. Im stilvollen Ambiente lädt der Zaiß’sche Sonnen-Besen zum behaglichen Verweilen ein. Hier trifft man Freunde, alte und neue Bekannte und erlebt an den Stubentischen beim Viertele unvergessliche Stunden. Wer einmal im Sonnen-Besen war, der kommt immer wieder gerne. Von Januar bis März und von Oktober bis Dezember hat der Sonnen-Besen geöffnet.

Elf Tage im August wird in dem Obertürkheimer Weingut in allen Räumen gefeiert. Beim traditionellen Haus- und Hoffest bietet die Familie Zaiß mit vielen fleißigen Helfern in gemütlicher Umgebung Gutes aus Küche und Keller: schwäbische Maultaschen, dazu den guten Kartoffelsalat nach dem Rezept von Oma Charlotte. Vielleicht dürften es auch Kutteln in Trollingersoße oder ein frischer Sommersalat sein – um nur einige Speisen zu nennen. Dazu gibt es aus dem reichhaltigen Weinangebot wohltemperierte Rote und Weiße aus den Zaiß’schen Kellern zu verkosten. Es verwundert also nicht, dass die meisten Flaschen direkt ab Hof in die Keller der Weingenießer wandern. Dennoch gibt es Zaiß-Weine auch in ausgesuchten Gastronomiebetrieben in der Region Stuttgart, natürlich beim Stuttgarter Weindorf und im Fachhandel.



Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Routiniert: Christian Zaiß bei
der Weinlese Foto: Wulf Wager
Qualitätssiegel für Besenwirtschaft und Hoffest

„Die Qualität der Weinfeste fördern und das Niveau steigern“, das will das Weininstitut Württemberg mit der Zertifizierung von Weinfesten. Das Hoffest des Weingutes Zaiß ist die zweite Weinfestveranstaltung in Stuttgart, die durch zwei Prüfer des Weininstituts getestet und ausgezeichnet wurde. „Die Dekoration des Festes ist hier mit sehr viel Liebe gemacht. Die Veranstalter haben Modernes und zeitgemäße Standards, die die Besucher erwarten, mit Tradi­tionellem verbunden“, urteilten Horst Reuschle und Patrick Hilligardt vom Weininstitut. Auch der Sonnen-Besen wurde geprüft und hat sich in den höchsten Punktzahlen etabliert.

Weingut Zaiß KG
Mörgelenstr. 24
70329 Stuttgart-Obertürkheim
Telefon 0711 324282
www.zaiss.com



zurück