Stadt zwischen Wald und Reben: Stuttgart und seine Weinberge im Jahr 1592. Kupferstich des herzoglich-württembergischen Archivars Jonathan Sautter. Farbige Autographie von Max Bach. Foto: Archiv
Einkehr vor dem Kehraus

Indoor-Hocketse in der Besenwirtschaft


Karin Wiemer


Feuchtfröhlich: Bei der Indoor-Hocketse bleiben weder Augen noch Kehle trocken.

Der „Besen“ ist ein ganz eigener Kosmos. Hier hocken die unterschiedlichsten Leute
zusammen, die eines eint: die Lust am Wein im richtigen Maß, an der Geselligkeit beim Viertele, an schwäbischer Gemütlichkeit als Wohnzimmer-Hocketse. All das findet sich beim temporären Wengerterausschank – auch für Reig’schmeckte.


Es gibt viele Lokalitäten in und um Stuttgart, in denen sich regionaler Wein genießen lässt: Sternerestaurants und Landgasthöfe, Weinstuben und Vinotheken. Aber nichts ist vergleichbar mit einer Besenwirtschaft. Ein „Besen“ oder schwäbisch: „Besa“, wie er kurz und in besonderer Liebe der Schwaben zur ritualisierten Reinigung in der Kehrwoche genannt wird, ist eine Institution, die vielleicht der schwäbischen Seele am meisten entgegen- kommt: Trinken oder besser „schlotzen“, also genießen, das tut der Schwabe gern, aber am liebsten in den eigenen vier Wänden, wo’s keiner sieht. Und die Besenwirtschaft in ihrer Urform ist eben im eigenen Wohnzimmer des Wengerters beheimatet, der zu bestimmten Zeiten seine gute Stube ausräumt, um den eigenen Wein vornehmlich an den Mann, aber natürlich auch an die Frau zu bringen, wenn sie ihren mehr oder weniger trinkfesten Begleiter anschließend in die Nähe seiner Liegestätte bringt. Und so fühlt man sich in diesen geselligen, eher schlicht und rustikal möblierten Schankstätten quasi wie zu Hause, zumal es unkompliziert zugeht: An langen Holztischen und -bänken rücken die Viertelesschlotzer zusammen, denn Platz für Menschen mit dürstenden Kehlen ist in der kleinsten Hütte.

Auf die meist ungedeckten Tische kommen einfache, aber deftige Speisen, denn der Weindurst soll ja nicht nach einem Viertele versiegen – aber wer hierhinkommt, der bringt Zeit mit für die „Indoor-Hocketse“: Der Besen ist schließlich mehr als eine magenfüllende Angelegenheit, er ist ein Kommunikationszentrum mit flüssiger Umrahmung und fester Unterlage, in dem der Schwabe all seine Hemmungen verliert und richtig aus sich herausgeht, soweit der im Laufe des Abends zunehmende Mangel an Platz und sprachlicher Ausdrucksfähigkeit es eben zulassen. Aber das gehört dazu, und so hart die Wortgefechte auch geführt werden, am nächsten Tag versammeln sich die Teilnehmer erneut in trauter Eintracht bei einem Viertele ...

Aber besonders bei der Besen-Theorie gilt: Sie ist extrem trocken. Dabei sein ist alles, und somit geht nichts über den Selbstversuch. Also begeben wir uns in einen typischen Besen, mit echten Typen vor und hinter der Theke, echtem Württemberger Wein und zur Abrundung noch Weib und Gesang.



Lauschig: Im Besen kommt man sich
schnell näher.
Geradewegs dem Besen nach

Den Weg zur Besenwirtschaft weist kein Schild, zum Glück hat man sich den Weg vorher eingeprägt.

Vor dem Besen zeigt im besten Fall der namengebende Reisigbesen an, dass es sich um die gesuchte Stätte handelt – denn das Arbeitsgerät an der Wengertertür symbolisiert, dass die Stube mit eben jenem Besen für den Gast zuvor ordentlich ausgefegt wurde, um sich später wieder in den Reigen der kehrwöchentlichen Putzutensilien einzureihen.



Besen-Maßheiten


Wir betreten also den Besen, durch die geöffnete Tür schallen bereits lautstarke Stimmen und Gläserklirren. Kein Wunder, ist es doch schon knapp 16 Uhr, im Besen bedeutet das eine vorgerückte Stunde – öffnen viele der temporären Weinstuben doch schon um elf Uhr am Vormittag, damit sich’s auch lohnt für den hocketsegestählten Schlotzer. Wie gesagt, wer kommt schon nur für ein Viertele ...

Foto: DWI


Ach ja, das Viertele: Natürlich schlotzt, das heißt genießt man hier den Wein, und da der Schwabe ein solcher Genießer ist, möchte er besonders lange im Genuss schwelgen. Deshalb ist ein gemeines 0,2-Liter-Glas hier fehl am Platz. Und der Wunsch nach einem Stielglas outet den städtischen Snob und sorgt für Gesprächsstoff – zumindest für den Ankömmling nicht unbedingt ein guter Start.

Ein echtes Henkelglas ist hier also Pflicht, in das natürlich ein Viertele passt und das möglichst bis zum Rand gefüllt sein sollte, weshalb der Eichstrich nur knapp darunter endet, um den Wirt in seiner Großzügigkeit nicht zu arg in Bedrängnis zu bringen. So ist mit vier Gläsern dann ein feucht-fröhlicher Aufenthalt gesichert, die Lautstärke an der Sättigungsgrenze, die Literflasche leer, und alle einschließlich Wirt sind zufrieden.

Aber so weit sind wir noch nicht: Zunächst Platz genommen auf der langen Bank am langen Tisch, auf Heranwinken zahlreicher Herren und Damen, „mir rutschet zamma“, schallt es. Denn es dürfen in einem solchen Betrieb nur bis zu 40 Sitzplätze vorhanden sein – durchs „Zammarutscha“ kann die offiziell erlaubte Gästedichte leicht auf das Doppelte gesteigert werden. Locker. Das erhöht dann auch die Stimmungsdichte, von allen Seiten werden wir überschwänglich begrüßt und leider sogleich als unerfahrene Besen-Reig’schmeckte entlarvt: aufgrund der Frage nach der Karte. Die Getränke- und Weinkarte, die mit der abwischbaren Hülle – der Schwabe ist schließlich ein sparsames Cleverle –, befindet sich irgendwo auf dem Tisch, unter dem Körbchen oder dem Ständer mit Brezeln vielleicht oder dem Salz- und Pfefferstreuer samt Zahnstochern, oder sie wird verdeckt durch ein rot-weiß-kariertes Deckchen. Aber das ist nur der Ordnung halber, denn wer braucht schon eine Karte?!



Ohne Hin und Her


Bestellt wird ein Roter oder ein Weißer, also ein Trollinger oder ein Riesling, für die Damen schon mal ein Weißherbst, der ist meist noch ein wenig süffiger und schillert so schön rosafarben, dazu eine Flasche Wasser für die Autofahrer, um den Alkoholgehalt schon rein rechnerisch zu senken. Weintechnisch ausgeschenkt wird einfach, was der Wengerter selbst vergoren hat, da gibt’s kein langes Hin und Her, ob lieber aus dieser oder jener Weinbergslage, ob von hier oder anderswo, und „können Sie mir einen Wein zum Peitschenstecken empfehlen?“ – Ja, wo sind wir denn hier?!

Eben, und weil’s im Besen so schön unkompliziert zugeht, wird auch zünftig gevespert. Die Vorschrift besagt, dass „nur kalte sowie einfach zubereitete warme Speisen verabreicht werden dürfen. Darunter sind Gerichte zu verstehen, deren Zubereitung keine besonderen Fertigkeiten und außerdem wenig Zeit und Mühe erfordert“. Was zunächst nach „der Zubereiter darf auf keinen Fall kochen können“ klingt, sollte nicht abschrecken – im Gegenteil. Meist steht die Wengerterfrau oder -tochter selbst in der Küche, legt all ihren Ehrgeiz in die Speisen und zaubert mit Ripple und Sauerkraut, Wengertergulasch oder saftigem Schweinebraten ehrlich-hausgemachte Gaumenfreuden, die zusätzliches Suchtpotenzial aufweisen. Maultaschen und Flädlesuppe, Käsewürfel und Wurstteller ergänzen die Karte, die nie jemand braucht, weil er isst, was er immer isst.



Im Besa: Wie dahoim, nur voller

Und dann mit Gesang


Nach ausführlicher, sichtlich Freude bereitender Unterweisung durch die angestammte Gästebelegschaft in die Gepflogenheiten der Besenkultur in Sachen Trinken, Weitertrinken und Essen, müssen wir erzählen, wie es uns ausgerechnet in den gewählten Besen verschlägt. Spätestens jetzt ist klar: Im Besen wird selbst der Schwabe gesellig, hier fühlt er sich auch auf engstem Raum wohl und gibt sich auch dem – und den – Fremden gerne hin. Und wenn die Stimmung den Höhepunkt erreicht, also kurz vor dem vierten Viertele, fängt vielleicht der Wirt noch an zu singen. Oder ein geladener Gast. Oder einfach irgendein Gast. Denn im Besen ist (fast) alles möglich, schließlich ist es das Wohnzimmer des Wengerters, also sitzt man mit Freunden wie bei Freunden. Der Besen ist also so etwas wie die kleine Kneipe in unserer Straße – nur, dass es keinen griechischen Wein gibt. Aber das würde ohnehin nicht den Vorschriften entsprechen.


Schlotzers Leid


Ach ja, einen Wermutstropfen im Wein gibt es noch: Ein Besen darf höchstens vier Monate im Jahr öffnen – was zwar am Ende einer Besensaison traurig stimmt, worüber aber das ein oder andere Viertele hinweg tröstet – und Vorfreude ist ja die schönste Freude. Außerdem gibt es noch die regulären Weinstuben, die den echten Schlotzer das ganze Jahr über nicht im Stich lassen. Wie sollte er sonst auch zu seinem überdurchschnittlichen Weinkonsum kommen, mit dem er alle anderen vinophilen Regionen Deutschlands übertrumpft? Wobei er sich natürlich redlich müht, in der Besensaison schon einen ordentlichen Vorsprung zu erschlotzen ...




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