Stadt zwischen Wald und Reben: Stuttgart und seine Weinberge im Jahr 1592. Kupferstich des herzoglich-württembergischen Archivars Jonathan Sautter. Farbige Autographie von Max Bach. Foto: Archiv

Wein unterm Kappelberg

von Kathrin Haasis


Fellbach ist schizophren: Es hat die Stuttgarter Telefonvorwahl, aber ein Doppelkennzeichen. Die Kreisstadt direkt bei Stuttgart ist das Tor zum Remstal. Trotzdem darbt sie kein Dasein als Durchgangsstation, dafür hat Fellbach zu viel zu bieten – vor allem guten Wein.

Beste Lage: Am Kappelberg bei Fellbach wachsen Trauben für preisgekrönte Weine.
Ich kenne einen Handballer, der bringt das Dilemma des Fellbachers ganz gut auf den Punkt. Er ist in Fellbach aufgewachsen respektive in Oeffingen. Das ist ein feiner Unterschied, die Entfernung zu Stuttgart ist bei beiden Orten dieselbe – sie kleben am Stuttgarter Ortsrand und sind eben doch Rems-Murr-Kreis. In Fellbach fahren die Menschen mit dem Autokennzeichen WN herum, haben aber die Telefonvorwahl 0711.

In Fellbach ist auch das erste Kleinstadtkino gestorben und nie wieder auferstanden, weil die Fellbacher mit der Straßenbahn, der Linie 1 übrigens, in die Großstadt gefahren sind. Fellbach ist eigentlich Stuttgart. Aber weil der damalige Oberbürgermeister Guntram Palm in der Gemeinde­reform Anfang der 1970er-Jahre sehr schlau agierte, ist Fellbach nicht ein Teil Stuttgarts geworden, sondern hat noch Oeffingen und Schmiden dazuerhalten.


Der Fellbacher ist also ein gespaltenes Wesen. Wenn es ihm passt, verweist er sehr schnell auf seine eigene Herkunft: Große Kreisstadt! Eigenständig! Selbstbewusst! Wenn ihn sein ländlicher Minderwertigkeitskomplex plagt, dann ruft er schnell: Wir sind doch viel mehr Stuttgarter als viele Stuttgarter! Wir haben eine S-Bahn! Wir haben die erste Straßenbahn! Im Gegensatz zum Sillenbucher oder zum Weilimdorfer wohnen wir quasi in der Stadtmitte! Kommen wir zurück zum Handballer. Dieser hat mit seinem Oeffinger Verein jahrelang im Bezirk Rems-Murr zum Handball gegriffen. Und wo immer seine Mannschaft aufgetaucht ist, wurde ihm von der eher ländlich strukturierten Bevölkerung zugerufen: „Jetzt kommen wieder die Schnösel aus der Stadt!“ Damit lebte er ganz ordentlich, ein bisschen Feindbild kann ja niemand schaden. Bis er im zarten Alter von 32 Jahren plötzlich mit einer neuen Herausforderung konfrontiert worden ist. Die Handballbezirke wurden neu aufgeteilt – und Oeffingen landete in Stuttgart. Mit seiner Truppe von Alten Herren fuhr dieser Oeffinger fortan also zu den Auswärtsspielen in die Landeshauptstadt, was angesichts der guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr nicht so schlecht war. Er musste nicht mit seinem WN-Kennzeichen in die Stadt fahren. Aber was hörte er plötzlich in der Halle für Provokationen? „Ihr Bauerntrampel!“

Schizophren? Das Fellbacher Dilemma ist das der meisten Stuttgarter. Die Stadt ist manchmal Weltstadt. Aber oft auch Dorf. Meistens irgendwas dazwischen. Aber immer liebenswert. Was allerdings interessant ist: Beim Wein verweist der Fellbacher nicht auf die Landeshauptstadt. Immerhin wachsen hier auf 180 Hektar Reben, die 1906 erbaute Alte Kelter war einst die größte in Deutschland, und in Fellbach produzieren die beiden im Anbaugebiet am besten bewerteten Wengerter ihren Wein. Hier ist die zweitälteste Weingärtnergenossenschaft Württembergs zu Hause. Fellbach mit dem Hausberg Kappelberg ist nach Stuttgart und Heilbronn die drittgrößte Weinbaugemeinde im Land. Beim Thema Wein herrscht hier ein gewaltiges Selbstbewusstsein.

Mancher Fellbacher ist der Meinung: Die Straßenbahnlinie 1 wurde nur gebaut, damit die Stuttgarter nach Fellbach zum Weinkaufen kommen können. Und zum Fellbacher Herbst. Das größte Wein- und Erntedankfest in Baden-Württemberg lockt immerhin bis zu 200 000 Besucher am zweiten Oktoberwochenende in die „Stadt der Weine und Kongresse“, wie deren Marketingmotto lautet. „Willst gesund und lange leben, musst du in Fellbach einen heben“, sagte schon der schlaue Bürgermeister Palm zur Eröffnung des „Herbstes“ 1968. Aber vermutlich wird bei der Gelegenheit so mancher Stuttgarter den Fellbachern erklären, dass die Trauben für ihre besten Weine gar nicht auf Fellbacher Gemarkung gedeihen – sondern in Stuttgart. Untertürkheimer Gips und Uhlbacher Götzenberg heißen die Lagen für die Großen Gewächse von zwei Fellbacher Winzern.


Traubenadler: Markenzeichen des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter e.V.
Foto: Simone Mathias


Verband Deutscher Prädikatsweingüter e.V. (VDP)
Mit dabei sein im Verband Deutscher Prädikatsweingüter darf nur, wer bestimmten Qualitätsstandards entspricht und eingeladen wird. 200 Betriebe haben sich dafür qualifiziert. Aktiv im heutigen Sinn ist der VDP zwar erst seit rund 20 Jahren. Aber elitär war der Zusammenschluss von Anfang an: Als Verband Deutscher Naturweinversteigerer ist er 1910 gegründet worden. Rheingauer Weingutsbesitzer, Betriebe aus Rheinhessen, der Rheinpfalz und von den Flüssen Mosel, Saar, Ruwer taten sich damals zusammen. Die Naturweinversteigerer standen für das „nicht gewerbsmäßige Aufkaufen von Trauben und Wein und die Garantie für absolute Reinheit und Originalität ihrer Weine“, sie beanspruchten für sich Qualität und den Besitz der Spitzenlagen in dem jeweiligen Gebiet. Anfang des 20. Jahrhunderts war es noch üblich, dem Wein Zuckerwasser zuzusetzen und alle möglichen Lagen und Sorten zu verschneiden.

Die renommierten Weingüter wollten sich davon absetzen – auch um bessere Preise zu erzielen. Sie versteigerten ihre Qualitätsweine im Fass an Kommissionäre und Händler. Seit 1926 haben sie ein Markenzeichen: den Traubenadler.

Mit der Vorschrift, dass die Verbandsmitglieder nur naturreine Weine aus den eigenen Anlagen versteigern dürfen, wurden 1955 die Genossenschaften ausgeschlossen. Einen Rückschlag erlebten die Winzer 1967, als mit dem neuen deutschen Weingesetz der Begriff Naturwein verboten wurde. Statt sich aufzulösen, gaben sich die Mitglieder einen neuen Namen: Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP). Die Verpflichtung zu überdurchschnittlichen Qualitätsstandards erfolgte in den 1990er-Jahren. Die Erntemengen wurden begrenzt, das Mostgewicht angehoben und die Betriebe regelmäßig kon­trolliert. Zahlreiche Weingüter verließen daraufhin den Verband. 2002 stellte der VDP sein eigenes Klassifikationsstatut für Weinberglagen vor – mit den Stufen Guts-­ und Ortsweine, klassifizierte Lagenweine sowie Große beziehungsweise Erste Gewächse. Am Bordeaux und am Burgund orientierten sich die Prädikatsweingüter. Weil in Württemberg Weinversteigerungen nie üblich waren, hat sich hierzulande erst 1975 ein VDP-Regionalverband gegründet. Die adligen Gutsbesitzer Raban Graf Adelmann und der Fürst zu Hohenlohe-Öhringen waren Gründungsmitglieder. Erst 1994 wurde der Kreis erweitert, Hans Haidle und Gert Aldinger kamen dazu, 1995 Jürgen Ellwanger, 2000 Ernst Dautel und Hans-Peter Wöhrwag. Die jüngsten Neuaufnahmen sind Rainer Schnaitmann (2006) und Rainer Wachtstetter (2009). Insgesamt dürfen 15 württembergische Betriebe mit dem Traubenadler für sich werben. Gert Aldinger ist seit 2000 VDP-Vorsitzender der Württemberger.


Spitzenweingut: Matthias, Gert und Hansjörg Aldinger - die nächste Generation steht bereit.

Foto: Martin Stollberg


Der König vom Kappelberg – Gert Aldinger steht an der Spitze Württembergs

Die alten Eichenfässer sehen aus, als wären sie schon beim Bau des Fachwerkhauses in der Fellbacher Schmerstraße dort aufgestellt worden. Direkt daneben ist ein Ufo gelandet. Kopfschüttelnd geht Gert Aldinger auf das eiförmige Betonding und seinen Sohn Matthias zu und sagt: „Er wollte das, also haben wir uns das gekauft.“ Matthias Aldinger, in der Familie für den Keller zuständig, grinst nur. Matthias und sein Bruder Hansjörg sind die nächste Generation im württembergischen Vorzeigebetrieb mit 25 Hektar Rebfläche. Der Großvater, der 1930 geboren ist und nach dem das Weingut Gerhard Aldinger nach wie vor benannt ist, schafft immer noch im Wengert und „schwätzt mit den Reben“, seine Frau Anneliese bekocht die gesamte Mannschaft im Betrieb. Sohn Gert übernahm 1992 den Keller und später das ganze Weingut. Seine Ehefrau Sonja kümmert sich um den Verkauf. Tatsächlich funktioniert das Weingut so perfekt, weil die Familie an einem Strang in eine Richtung zieht.

Dabei werden zwei Dinge extrem hochgehalten. Auf der einen Seite die Tradition. Im Verkostungsraum hängt die Ahnentafel. Weinbau seit 1492, darauf ist die Sippe stolz. An erster Stelle steht: „Bentz der Aldinger zinste 1492 laut Lagerbuch aus dem Mackenlehen zu Fellbach.“ Danach folgen viele Namen, etwa der von Michael Aldinger. Der wurde am 5. Juni 1621 geboren und starb am 16. Oktober 1698. Darunter steht: „Bürgermeister, fünf Kinder früh, fünf Kinder an der Pest verstorben.“ Dennoch gab’s Nachfahren. An Stelle 16 stehen Hansjörg Aldinger, geboren am 9. Januar 1980, und Matthias Aldinger, geboren am 26. September 1981. Die Tradition hilft bei der Suche nach einem Wappen oder um eine schöne Tafel aufzuhängen. Guten Wein macht sie aber nicht. Dazu braucht es gescheite Köpfe. Gerhard Aldinger ist so einer. Er gründete das Weingut. 1955 heiratete der Landwirtssohn Anneliese Pflüger, die Tochter eines Küfers und Süßmosters. Sein Herz hing allerdings nicht an den Berufen des Vaters und des Schwiegervaters, sondern am Weinbau. Mit 50 Ar Wengert machte er sich damals von der Genossenschaft unabhängig, praktischerweise stand ihm im Küferbetrieb in der Schmerstraße eine komplette Kelterausstattung zur Verfügung. „Ich gehe meinen eigenen Weg“, sagte er und wurde Fellbachs erster Vollerwerbswinzer. Seine Tropfen baute er von Anfang an trocken aus. Süßer Rotwein sei für ihn ein Brechmittel, erklärt er gerne.

Die anderen machten Masse, der Aldinger machte sich unbeliebt, weil er immer meinte, besseren Wein machen zu müssen. Wobei auch er von den fetten 1970er- Jahren im württembergischen Weinbau profitierte, als die Wengerter gar nicht so viel produzieren konnten, wie die Leute kaufen wollten. Schließlich war es zu viel des Guten: 200 Hektoliter holten sie 1982 aus dem Hektar, heute viel weniger als die Hälfte. „Wir müssen das Ruder herumreißen“, sagte Sohn Gert damals zu seinem Vater. Als die Weingärtner im Land die Diskussion starteten, ob vielleicht zu viel Trollinger in den besten Lagen wachse, probierte der Weinbautechniker längst Neues. Er pflanzte unter anderem Merlot und Cabernet Sauvignon und erkannte, dass sich nur über die Reduzierung des Ertrags die Qualität verbessern lässt. Fließend war der Übergang, „um die Kunden nicht zu schockieren“, erzählt er. Die Strategie hat sich bewährt, Gert Aldinger konnte seinen Vorsprung immer schön ausbauen, er ist der Wunderwinzer schlechthin. Gert Aldinger mag die Tradition, gleichzeitig störte ihn der Fortschritt nie. Als es erlaubt wurde, den Weinen Wasser zu entziehen, um die Qualität zu verbessern, machte er gleich Versuche damit. Als der Einsatz von Holzchips in der Diskussion war, beteiligte er sich als Probebetrieb bei den ersten Experimenten. „Für meine Weine bringt das mit Sicherheit nichts“, sagte er. Aber er ist der Meinung: Im globalen Wettbewerb dürfe man sich Neuerungen nicht verschließen, und als württembergischer VDP-Vorsitzender sei er sogar in der Pflicht, alles auszuprobieren. Das gilt natürlich auch für die Kellertechnik. In seinem Keller stand früh ein modernes Fass für die Maischegärung, in dem der Saft der Trauben schonend über die Häute gesprüht wird. Heute werden die ganz alten Holzfässer wieder für den Weißwein verwendet. Tradition und Moderne liegen oft nah beieinander.

Vermutlich ist es leicht, solche Dinge zu treiben, wenn man immer an der Spitze eines Anbaugebiets steht. Ernst Dautel hatte ihn mal im Ranking überholt, mittlerweile steht längst wieder Aldinger an der Spitze. Im Jahr 2011 zeichnete ihn der „Gault Millau“ für die beste Kollektion – von der Literflasche bis zum Großen Gewächs – in ganz Deutschland aus. „Seit Jahren steht er an der Spitze im Ländle. Nun krönt Gert Aldinger mit Unterstützung der Söhne sein Lebenswerk mit den besten Weinen seiner Karriere“, heißt es in dem Wein-Guide. Die Auszeichnung steht für einen Betrieb, der nicht nur absolute Spitzenweine erzeugt, sondern auch bei den einfacheren Qualitäten herausragend ist. „Für uns ist dieses Lob natürlich fantastisch“, sagt Gert Aldinger. Die Kunden würden so erkennen, dass sich das Qualitätsstreben des Betriebs eben nicht nur auf wenige Weine konzentriert. Bei der Preisverleihung in Mainz standen drei Aldingers auf der Bühne. Ganz nebenbei wurde dabei erwähnt, dass den Söhnen der vermutlich beste Rotwein gelungen sei, der jemals in Württemberg erzeugt worden ist: mit dem Großen Gewächs Lemberger. Spannend ist außerdem, was aus dem Betonei schlüpft: Darin schlummerte Sauvignon blanc. Herausgekommen ist – das dürfte niemanden mehr überraschen – der vermutlich beste Sauvignon blanc Württembergs. „Ovum“ nennen sie ihn, der Tropfen sprengt die bisherigen Dimensionen – ganz sicher beim Preis: Der „Ovum“ hat als erster Weißwein Württembergs die 30-Euro-Grenze übersprungen. Bei den Aldingers gehen Tradition und Fortschritt eben eine schöne Symbiose ein. So lautet übrigens auch das Motto des Weinguts. Der Seniorchef Gerhard Aldinger stellt sicher, dass die Geschichte nicht vergessen wird: Nach getaner Arbeit setzt er sich hin und notiert Wetterdaten, Erträge und Öchslegrade für seine Chronik des Weinbaus im Remstal seit 1828.

Weingut Gerhard Aldinger
Schmerstraße 25
70734 Fellbach
Telefon 0711 581417
www.weingut-aldinger.de


Ambitioniert: Kellermeister Seibold und Geschäftsführer Benz halten die Fellbacher Weingärtner auf hohem Niveau.
Foto: Martin Stollberg


Zufriedene Genossen – Die Fellbacher Weingärtner
fahren von Anfang an eine gute Ernte ein

In Fellbach ist die Welt der Weingärtner noch in Ordnung. Dass kaum einer von ihnen sein eigenes Ding macht, spricht jedenfalls für die Genossenschaft. Gerade mal ein halbes Dutzend Selbstvermarkter gibt es in der Kreisstadt, drei davon sind Besenwirte. Der letzte Austritt ist mit Rainer Schnaitmanns erstem eigenen Jahrgang 1997 lange her. 150 Wengerter liefern an der Neuen Kelter ihre Trauben ab, sie bewirtschaften eine Rebfläche von 185 Hektar. „Wir verlieren keine Fläche und keine Mitglieder“, sagt der Geschäftsführer Friedrich Benz, „wir haben ein moderates Wachstum.“ Wie eng die Bindung ist, verdeutlicht er mit einer Zahl: 90 Prozent der Genossen wohnen im Umkreis von 500 Metern rund um die Kelter an der Kappelbergstraße.

Der Zusammenhalt lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Fellbacher Weingärtner kurz nach ihrer Gründung gemeinsam Erfolge erzielten. Damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, ging es ihnen nämlich jämmerlich. Zusätzlich zu den hohen Abgaben und der Abhängigkeit von den Weinherren litten sie unter Missernten und eingeschleppten Rebkrankheiten. Dass sich der Schulmeister Wilhelm Amandus Auberlen, der viele Jahrzehnte das Kulturleben der Stadt bestimmte, für den Weinbau interessierte und einsetzte, war für die Wengerter ein Segen. Er lud junge Landwirte zu Fortbildungen ein, machte sie auf die Ziele der Weinverbesserungsgesellschaft aufmerksam und auf die Neckarsulmer Kollegen, die bereits 1855 die erste Weingärtnergesellschaft in Württemberg gründeten. Drei Jahre später folgten die Fellbacher dem Beispiel und schrieben in ihre Präambel als Ziel „die Erhaltung des guten Rufs des hiesigen Orts bezüglich der Produktion reiner und guter Weine“.

Die Regeln, die sich diese Gesellschaft auferlegte, waren äußerst fortschrittlich. Ihre Weinberge teilten sie in Lagen ein, eine Kommission kontrollierte deren Pflege, die Gesundheit und die Reife der Trauben, bei der Lese gab es einen strengen Terminplan und unreife Beeren wurden aussortiert. Statt die Früchte mit Stiefeln zu Maische zu treten, wurden sie nun geraspelt. Wilhelm Amandus Auberlen ermahnte die Weingärtner außerdem, rote und weiße Gewächse getrennt zu verarbeiten, denn die guten Wirtshäuser würden allesamt längst nach Rot- und Weißwein verlangen und nicht nach minderwertigem Mischwein. „Dieses gesamte Verfahren hat zu vorher nie geahnten, über alles Erwarten günstigen Resultaten geführt, die alles Frühere weit hinter sich lassen“, schwärmte er wenige Jahre später. Ruhm und Ehre bescherten den Fellbachern fortan überdurchschnittliche Preise für ihre Tropfen.

Fortschrittlich: Auberlen sah den Nutzen einer Weingärtnergesellschaft für Fellbach.
Foto: Martin Stollberg

Mit der Rotwein-Cuvée Amandus haben die Weingärtner ihrem Gründer ein Denkmal gesetzt, das laut Gault Millau ihren Ehrgeiz und „ihre Ambitionen nach Höherem“ bestätigt. Und wenn der Kellermeister Werner Seibold (Jahrgang 1954) über das „sehr straffe Bonifizierungssystem“ spricht, das „sehr gutes Lesegut“ garantieren soll, oder darüber, wie viel Wert darauf gelegt wird, dass die Mitglieder den Betrieb als ihren ansehen und dass keine Ablieferermentalität herrscht, dann klingt er beinahe wie der Gründervater. Den Wettbewerb in Fellbach, wo auch die zwei besten Selbstvermarkter Württembergs sitzen, findet er belebend. „Deshalb konnte ich bei den Mitgliedern viel durchsetzen“, sagt Werner Seibold. Früher, zu seiner Lehrzeit in den 1970er-Jahren, hätte man eben genommen, was gewachsen sei. Den Wengertern sei es später natürlich schwergefallen, die Beeren abzuschneiden. Breit aufgestellt sind die Genossen, 80 Weine haben sie im Sortiment – vom teuren Barriquetropfen bis zum Vesperwein. „Der Trollinger hat immer noch den größten Anteil“, sagt Friedrich Benz (Jahrgang 1960). Aber das Geschmacksprofil der Kunden ändere sich, und darauf wollen sie gefasst sein. Der Verwaltungsgeschäftsführer findet es bei aller Entwicklung wichtig, stets eine Brücke vom Historischen ins Moderne zu bauen. Zuletzt ist dies für die nächste Generation geschehen. „Next Generation“ heißt nämlich das jüngste Projekt der Fellbacher. Die Nachwuchsgruppe, in der sich in Geisenheim ausgebildete Ingenieure, Weinsberger Techniker und andere ambitionierte Winzer zusammengetan haben, hat einen Riesling und eine rote Cuvée auf den Markt gebracht. „Wir wollen die Jungen an den Betrieb binden“, erklärt Friedrich Benz. Offensichtlich geht die Strategie auf.

Fellbacher Weingärtner
Kappelbergstraße 48
70734 Fellbach
Telefon 0711 5788030
www.fellbacher-weine.de



Reigschmeckte oder Weltsorten
mit schwäbischer Wahlheimat

Von alten und neuen Rebvarietäten in Württemberg


Dr. Christine Krämer


Eine der beliebtesten Weinstuben Stuttgarts an einem Freitagabend. Die fünf am Tisch bestellen ganz selbstverständlich ein Glas Sauvignon Blanc aus dem Remstal zum Aperitif. Die mit Sachkenntnis zusammengestellte Weinkarte bietet hauptsächlich lokale Gewächse. Zur Vorspeise wird ein Chardonnay aus dem Unterland gewählt. Schwäbische Leckerbissen und international inspirierte Gerichte lokal interpretiert werden hier an den Tischen serviert. Zur Kalbsleber wird später ein Cabernet Franc aus Heilbronn geordert, zum Lamm eine Flasche Syrah aus Winterbach. Nur ein kurzlebiger Trend oder endlich ordentlicher Wein aus Württemberg? Schluss mit der Rotweindiaspora Deutschland? Und die Erzeuger: Nestbeschmutzer? An der Toskanafraktion orientiert und immer noch nicht kapiert, dass Regionalität auf dem Vormarsch ist? Sind die traditionellen Sorten denn nicht gut genug? Oder womöglich Panik vor der Klimaerwärmung?


Ernst Dautel führt ein alteingesessenes Familienweingut in Bönnigheim und gehört zu den württembergischen Spitzenerzeugern. Als er 1987 den ersten Chardonnay in Württemberg pflanzen wollte, ging das nur gegen massiven Widerstand. Erlaubt ist, was gefällt – das gilt nicht im Weinbau, auch in Württemberg nicht. Erst nach strenger Prüfung wird eine neue Rebsorte in den Kanon aufgenommen. Heute gehören Sauvignon Blanc und Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot sowie Syrah zu den Rebsorten, die in Württemberg offiziell angepflanzt werden dürfen. Rebfachleute warnen dennoch und empfehlen den Anbau traditioneller Varietäten. Doch was heißt in Württemberg schon traditionell?


Neues wagen

Sich inspirieren lassen, von den anderen abgucken, neugierig sein, über sich hinauswachsen, Neues wagen, das hat Tradition in Württemberg. Der Wunsch nach Innovation ist eine urschwäbische Eigenschaft. Als der Korber Ausnahmeweinmacher Albrecht Schwegler Ende der 1980er-Jahre sein Weingut gründete, setzte er Zweigelt und Lemberger statt Trollinger. Später Merlot, Cabernet Franc und Syrah. Er wollte Weine ausbauen, die mit den besten französischen und italienischen konkurrieren konnten. Seine Rotweincuvée Granat setzte Maßstäbe und war lange Zeit der teuerste Rotwein Württembergs. Ehrgeizig über den Tellerrand hinaussehen, das war schon vor fünfhundert Jahren so in Württemberg. 1565 schrieb Jeremias Held, Pfarrer in Flein bei Heilbronn, die Fleiner Weine stünden den italienischen und griechischen in nichts nach; sie könnten genauso guten Malvasier machen wie auf Kreta, verstünden sich auf die speziellen Techniken, diesen Wein zu bereiten. In Flein wachse Wein, der dem fremden an Güte, Lieblichkeit, Stärke, Geruch und Geschmack ebenbürtig sei. Vierzig Taler, eine hohe Summe, sei 1565 für ein Fuder des Fleiner Weins bezahlt worden.

Württemberg lag an einem kulturellen Drehkreuz und ließ sich hinsichtlich Rebsatz, Anbaumethoden, Weinbereitung und Konsumgewohnheiten im Laufe der Jahrhunderte von verschiedenen Regionen anregen.


Allerweltssorte Muskateller

Konsumtendenzen leiteten von jeher die Sortenwahl in Württemberg. Die Mobilität bestimmter Gesellschaftsschichten wuchs ab dem Spätmittelalter. Zunehmend vernetzte Märkte belebten den Weinmarkt mit Konkurrenzprodukten. Plötzlich zog so mancher Weintrinker die Gewächse anderer Länder den heimischen Erzeugnissen vor, sodass sich die Weinmacher in der Folge an ausländischen Produkten orientierten. Die Allerweltssorte des Spätmittelalters war der Muskateller. Die duftig-süßen Weine waren außerordentlich populär – in ihrem Stellenwert durchaus vergleichbar einem Sauvignon Blanc heutiger Zeit. Der Mittelmeerhandel machte sie bekannt und die Sorte wurde von Nordungarn bis Südspanien angebaut. Eine banale Modeerscheinung des Spätmittelalters, die dennoch bis heute gepflegt wird. Die engen Beziehungen zu Oberitalien brachten den Trollinger nach Württemberg. Er hat sich ungeachtet seiner mäßigen Eignung für das schwäbische Klima seit dem 16. Jahrhundert im Rebsatz gehalten – aus wirtschaftlichen Gründen, und allen Unkenrufen zum Trotz. Auch das ist typisch für Württemberg und gerade das macht den Trollinger zum passenden Wahrzeichen schwäbischer Weinkultur.


Alle Reben importiert

Vielfalt im Rebsatz ist eine weitere Konstante im württembergischen Weinbau. Leitsorten wie Spätburgunder und Chardonnay im Burgund oder Riesling im Rheingau gab es in Württemberg nie. Es gab ein buntes Nebeneinander importierter Rebsorten. Mancher, der sich um die Weinkultur im Ländle sorgt, bemängelt, dass Württemberg im Hinblick auf seine Rebsorten kein klares Profil habe. Dabei ist die Vielfalt ein Teil des Profils. Die prächtige Rebsammlung von Geheimrat Bilfinger in Stuttgart, die 1750 von Herzog Carl Eugen gekauft wurde, umfasste 144 Rebsorten. 70 davon wurden von einem Rebhändler in Cannstatt für den Ertragsweinbau zum Kauf angeboten. In Württemberg ist wahrscheinlich keine einzige Rebsorte entstanden. Johann Michael Sommer, ebenjener Cannstatter Rebhändler und Buchautor, fragte Ende des 18. Jahrhunderts zu Recht: „Welche Sorten sind dann in unserm Vatterland einheimisch? Von keiner Sorte wird man behaupten können, sie seye von jeher bey uns gepflanzt worden ...“ Traditionell, heimisch oder autochthon heißt in diesem Zusammenhang vielmehr altbewährt. Gute Weine entstehen, wenn eine für Boden und Klima brauchbare Rebsorte sich über einen langen Zeitraum hinweg an den Standort anpassen konnte, sich etabliert hat und im Ertragsanbau entsprechende Resultate erbringt. Lang, das können 80 Jahre oder 800 Jahre sein. Wichtiger als die Tradition ist die Frage, ob die Sorte für den Standort geeignet ist. Überhaupt: Tradition. Vermeintlich Traditionelles ist manchmal gar nicht alt und Neues ist viel älter als gedacht. Lemberger zum Beispiel, Württembergs rote Paradesorte, gelangte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Württemberg. Da bereicherten Sauvignon Blanc und Chardonnay vermutlich längst die hiesigen Rebzeilen – wenngleich unter anderem Namen. Sogar eine Rebsorte aus Bordeaux war längst dagewesen: Carmenere kam nach Württemberg, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Weinverbesserungsanstalt sich von staatlicher Seite um die Verbesserung des Rebsatzes kümmerte. Und der apulische Primitivo, eine ursprünglich aus Südosteuropa stammende Gattung, wurde in Württemberg über Jahrhunderte als Blauer Scheuchner angebaut. Manche Rebsorten verschwanden, manche etablierten sich dauerhaft, neue kamen hinzu. Am Schluss setzt sich das durch, was gut ist. Noch Ende des 19. Jahrhunderts stellten etwa 30 verschiedene Sorten den Hauptsatz in Württemberg, während heute, nach Reblauskrise und Flurbereinigung, fünf Sorten 75 Prozent des Rebsatzes ausmachen. Eine beklagenswerte Reduktion.


Wandel ist ein Teil der Identität Württembergs

Die Identität einer Weinbauregion bewahrt man nicht zwingend durch Konservieren. In Württemberg ist der Wandel ein Teil der Identität. Weltoffenheit ist zunächst einmal eine positive Eigenschaft. Und die Weingeschichte vermag die Angst zu zerstreuen, mit sogenannten internationalen Rebsorten eine austauschbare und beliebige Weinkultur zu riskieren. Auch der traditionelle Spätburgunder ist zwischenzeitlich eine wahrlich kosmopolite Sorte. Beim Riesling, der meistangebauten und als traditionell geltenden Weißweinsorte Württembergs, lauert die Konkurrenz in den anderen Bundesländern, und sie ist gewaltig.


Württemberger Weingärtner werden weitersuchen

Dann gibt es noch das Argument, Rebsorten aus südlichen Gefilden müssen umgehend angepflanzt werden, weil in fünfzig Jahren die Klimaerwärmung einen Umschwung bei den Rebsorten erfordern werde. Jetzt Mittelmeersorten anzupflanzen und sich auf die herbeibeschworene Klimaerwärmung zu berufen ist keine Lösung. Es ist nicht sicher, ob eine Umstellung in Zukunft nötig sein wird, zumal es unterschiedliche Methoden gibt, um auf das Klima zu reagieren. Auf jeden Fall hat die Klimaerwärmung der vergangenen Jahrzehnte dafür gesorgt, dass Sorten wie Syrah oder Cabernet derzeit gute Anbaubedingungen in Württemberg vorfinden. Die Württemberger Weingärtner werden weitersuchen. Wie sie es schon immer getan haben. Und das ist gut so.


Innovation von gestern

Dautels Chardonnay schmeckt jetzt, wo die Reben über zwanzig Jahre alt sind, sehr mineralisch, komplex, langanhaltend. Seine Qualität ist die eines Chablis Premier Cru, aber mit eigenständigem Charakter. Vor fünfzehn Jahren vermochte keiner zu sagen, ob mit den versuchshalber gepflanzten Sauvignonreben in Württemberg Spitzenwein zu erzeugen sein würde. Seine Anbaufläche stieg von zwei Hektar in 2000 auf 34 Hektar in 2009 und Sauvignon Blanc war bei den Neuanpflanzungen 2009 eine der beliebtesten Sorten. Bei den meisten Erzeugern ist er schnell ausverkauft. Dennoch wäre es unrecht, ihn auf eine modische Trendsorte zu reduzieren, die keinen Bestand hat. Sauvignon hat in Württemberg eine weitere Heimat gefunden und er fühlt sich hier nicht nur sauwohl, sondern bringt, besonders im Remstal, bemerkenswerte Weine hervor. Syrah und Sauvignon Blanc, Cabernet und Chardonnay sind Teil der schwäbischen Weinkultur wie Riesling oder Trollinger. Erlaubt ist nicht, was gefällt, aber getrunken wird, was schmeckt. Da hat Altes und Neues Raum. Wer in der Weinstube Maultaschen bestellt, trinkt gern einen Trollinger dazu. Innovation von gestern. Altbewährt. Heimisch. Gut. Im Burgunderglas und leicht gekühlt. Denn Trollinger ist nur im Stuttgarter Tatort passé.



Rebenmetropole an Neckar und Nesenbach
Stuttgart und seine Weingeschichte – Refugium für Kenner und Genießer

von Manfred Strobach


„Auf! Im traubenschweren Tale steht ein Fest des Bacchus an!“ So jubelte der Dichter Eduard Mörike vor über
150 Jahren zur Weinlese in Stuttgart. Es war zwar noch nicht das Weindorf, das heute Kenner und Genießer aus nah und fern in die Metropole an Neckar und Nesenbach lockt, aber weit mehr als in unseren Tagen galt für Stuttgart weiland noch die Beschreibung des Historikers Otto Borst: „Der Weinbau ist das eigentliche, unverwechselbare und unüberbietbare Charakteristikum der Stadt.“ Solche Weintreue prägte ja auch lange Zeit die Lo­sung: „Hauptstadt zwischen Wald und Reben!“ Mögen inzwischen wohl andere Errungenschaften schwäbischen Tüftlergeistes und Gewerbefleißes rein rechnerisch den Rebensaft von dem Spitzenplatz als „un­über­biet­bares Charakteristikum“ verdrängt haben, noch aber wird selbst beim „Partner der Welt“ Stadtgeschichte beim und mit Wein geschrieben. Und das weiß Gott nicht nur zur Zeit des Weindorfes. Da aber ganz intensiv.

Augenweide: Blick vom Mönchsberg
hinüber in die Stadt am Nesenbach.
Foto: DWI/Dieth
Nimmt man es weinberggeographisch genau, so hat sich eigentlich flächenmäßig seit Mörike nicht so viel verändert. Waren es im 18. bis 19. Jahrhundert noch gut 400 Hektar allein in Alt-Stuttgart, so haben den Schwund im klas-sischen Stadtgebiet Eingemeindungen nach 1905
(Bad Cannstatt, Untertürkheim und Wangen) und 1939 (Uhlbach und Rohracker) längst wieder ausgeglichen. So ist die Landeshauptstadt zwar noch die „Weinmetropole“ unter den deutschen Großstädten geblieben, im Musterland selbst – was die Anbaufläche angeht – derzeit auf Platz acht. Zudem stimmt der Stadtkämmerer nur noch halbherzig der Kennzeichnung„ ... reich an Gut und gesegnet durch die Gaben des Bacchus“ zu. Er wäre, so er könnte, vielleicht sogar zum Sakrileg fähig, zwei der teuersten (bezogen auf den Grundstückspreis) Weinberge der Welt in Bauland zu verwandeln. Noch aber schützen zum Glück Bürgerwille und Gesetz „Kriegsberg“ und „Mönchshalde“ im Herzen der Stadt.


180 Viertele pro Kopf

Nimmt man alle anderen Stuttgarter Lagen zwischen der Steinhalde in Mühlhausen und Hofen, dem Schlossberg in Plieningen, dem Feuerbacher Berg und dem Götzenberg zu Untertürkheim zusammen, so reicht die Gesamtproduktion längst nicht mehr aus, den Weindurst der Stuttgarter zu stillen. Schließlich rangiert der Pro-Kopf- (wohl besser Pro-Kehle) Bedarf mit rund 45 Litern – das entspricht 180 Viertele – deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Zum Glück liefern Weingärtner aus dem ganzen Land gut und gerne zu – und außerdem spiegelt auch so manche Weinkarte der heimischen Gastronomie die Globalisierung des Marktes. Dennoch trinkt man hierzulande gerne Heimisches.


Herbst: Weinlese im Neckartal. Gemälde
von Johann Gutekunst (1801–1858)
Sauerampfer aus dem Fürstenfass

Bei einem Termin aber sind es vor allem und gezielt heimische Erzeuger, die mit ihren Kreszenzen den Nimbus der Kennerkommune in klassischem Glanz erstrahlen lassen: Beim Weindorf in der City vor dem Rathaus und am Alten Schloss. Bei diesem Festival der Viertelesfreunde bewährt sich auf engem Raum eine köstliche Allianz zwischen Wengertern und Wirten. Und das Bündnis bestätigt zudem, dass die Stuttgarter Gewächse heute weit eleganter, delikater und vor allem gesünder wirken als anno 1802 der Deputatswein des Herzogs für seine Hofbeamten. Sogar die frommen Pastoren protestierten weiland gegen den „Sauerampfer aus dem Fürstenfass“, mussten aber nach dem hoheitlichen Geheiß „mitgesündigt, mitgetrunken“ ihren Anteil schlucken. Gut 100 Jahre später kam dann mit der Eingemeindung Cannstatts eine Lage zur Residenz, deren Namen schon freundlicheren Genuss verspricht. Der „Zuckerle“ hat seinen verlockenden Titel den Klosterbrüdern zu verdanken, die von der Lorcher Dependance in Stuttgart-Münster aus das Gewann an Neckarhang zwischen Cannstatt und Münster mit bewirtschafteten und schon damals erkannten, dass dort die Trauben zu besonderer Süße heranreiften. Neben der renommierten Weingärtnergenossenschaft Bad Cannstatt erntet auch das Weingut der Stadt Stuttgart von den Zuckerle-Reben. In erster Linie Trollinger, aber auch andere klassische „Schwaben“ wie Lemberger und Riesling, die mehr denn je dem historischen Ruf „Neckerwein ist Schleckerwein“ gerecht werden. Wer möglicherweise auf dem Weindorf zum ersten Mal mit einem Viertel Cannstatter „Berg“–Trollinger vom Mayer’schen Jägerhof Bekanntschaft gemacht und Freundschaft geschlossen hat, der wird gern der Einladung folgen, später in der gemütlichen Weinstube auf dem Burgholzhof einzukehren, um noch mehr Stuttgarter Weinwissen anzusammeln. Ein solches Kolleg kann man zudem mit augenfälliger Naturbegegnung auf dem Weinbaulehrpfad an der Auerbach- und Hahnemannstraße vertiefen. Nicht minder guten Klang haben weitere Cannstatter Wengerter-Adressen, wie etwa die aus der weit verzweigten Zaiß-Dynastie.



Knochenjob: Trotz technischer Hilfsmittel bleibt die Weinlese an den Stuttgarter
Steillagen eine harte körperliche Arbeit.
Doch der Mühe Lohn sind feine Tropfen,
die den Viertelesschlotzer verwöhnen.
Foto: DWI/Hartmann
Oberliga der Wengerter

Am Herzogenberg grenzen Cannstatts Fluren an die des Stadtteils, den 1905 ebenfalls das Geschick der Eingemeindung traf und der heute vor allem von einer Erfindung profitiert, mit der anno 1883 in einem Cannstatter Gewächshaus Gottlieb Daimler seinen ersten schnelllaufenden Benzinmotor zum Tuckern brachte. Jahre zuvor hatte die „Königlich- württembergische Gesellschaft zur Weinverbesserung“ den Stand­ortvorteil Untertürkheims entdeckt und einen Versuchsweinberg angelegt, um beispielhaft das Streben der Wengerter von Klasse auf Masse umzulenken. Diese Zielsetzung schrieb sich dann die 1887 gegründete Weingärtnergenossenschaft ebenfalls auf ihre Fahnen. Zu ihrer Adresse gehört nach wie vor eine der schönsten Keltern mit einem prachtvollen Gewölbekeller, der es unter anderem in einer Fernsehserie zu Bildschirmberühmtheit brachte. Besonderen Ruf in der Weinszene hat die genossenschaftliche Verbindung der Untertürkheimer Rebleute seit ihrer fortschrittlichen Ausrichtung als „Weinmanufaktur Untertürkheim“ erlangt. Zahlreiche Spitzenplätze bei Weinwettbewerben und entsprechende Auszeichnungen sind Ausdruck für konsequentes Qualitätsstreben wie auch ein zeitgerechtes Marketing. Ebenfalls in die Oberliga der Weinerzeuger hat es Hans-Peter Wöhrwag mit seinem Gut geschafft, in dem er vom stringent qualitätskonformen Anbau über die traubenschonende Einrichtung der Kelter bis zum sorgsamen Ausbau im Keller die Tradition der „besten Marke des Landes“ in zeitgemäßer Form umsetzt.


Kellerkinder: Im Mönchskeller der Weinmanufaktur Untertürkheim reift in Holzfässern, was Stuttgarter Reben hergeben.
Foto: Weinmanufaktur Untertürkheim
Museum mit Probierstube

Kommunalpolitisch zählt Rotenberg als Ortsteil wohl zu Untertürkheim. Weinpolitisch aber haben die Wengerter auf dem quasi heiligen Hügel der Württemberger ihre nicht nur historische Eigenheit verteidigt. So wurde 1936 eine eigene Genossenschaft gegründet und ihre Kelter im Schatten der königlichen Grablege mitten in den Weinbergen angesiedelt. Die Anhöhe, auf der sich vor nahezu tausend Jahren der Konrad mit der Luitgard von Beutelsbach und der ersten Burg der „Wirtimberger“ niederließ, ist nicht nur Ziel für historisch beflissene Wanderer, sondern speziell für Weinfreunde, die einen gepflegten Tropfen zu schätzen wissen. Fast königstreu das Qualitätsbewusstsein, mit dem die Premiumversionen von Trollinger und Riesling die Namen von Königin Katharina und König Wilhelm zieren. Mit besonderem Renommée wird auch die Kerner-Variante „Justinus K“ als Rotenberger Kellermeisterstück geschätzt. Quasi als Direttissima führt eine Verbindung vom Rotenberg hinunter in einen Stadtteil, der sich bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts dem Zugriff der Stadt entziehen konnte, gleichwohl von den Großstädtern als beliebtes Ausflugs- und Einkehrziel angesteuert wurde. Wie eine Perle unter den Weinvororten hat sich Uhlbach seinen dörflichen Charme bewahrt und empfiehlt sich wegen der gepflegten bodenständigen Gastronomie und mit seinen herzhaften Weinen als Stuttgarter Grinzing. Nur bleibt man zum Glück von aufgesetztem Schunkeltourismus ver- schont – was nicht heißt, dass es etwa im Drei-Mädelhausbesen bei Currles nicht urig gemütlich zugehen würde. Klassisch historisch dagegen die Begegnung mit Stuttgarter – natürlich vor allem

Keller-Meister: Der Untertürkheimer Hans-Peter Wöhrwag ist einer der international renommierten Stuttgarter Weingärtner.
Foto:Wöhrwag
Uhlbacher – Gewächsen im Wein-baumuseum im Herzen des Fleckens am Fuße des Götzenberges. Aus gutem Grund steuern weinkundliche Touren aus der Stadt das mächtige alte Keltergebäude an. Weil da an vielen bildhaften Beispielen deutlich wird, wie Weingeschichte zugleich Stadt- und Kulturgeschichte bedeutet. Und dafür, dass es nicht bei der, wenn auch anschaulichen, doch trockenen Theorie bleibt, kann man in der Museumsprobierstube aus dem gesamten Angebot der Viertelesmetropole Stuttgart sein Lernmaterial für das genüsslich-flüssige Praktikum auswählen. Da ist zu erfahren wie zu erschmecken, dass auch der Neckarvorort Obertürkheim auf beachtliche Rebenhistorie zurückblickt, auch wenn die schaffige Schwabenverbindung von Häusle-, Fabrikle- und Straßenbau die Flächennutzung eminent zu Lasten der Rebflächen gewandelt hat. Zudem lässt sich bei dem Zungenspaziergang durch Stuttgart anhand von Weinproben noch feststellen, was die Baulandexpansion als Angebot von neckartal-typischen Gewächsen aus Hedelfingen, Wangen, Degerloch, Feuerbach, Zuffenhausen, Mühlhausen und Münster für Wein-Lokal-Patrioten übrig gelassen hat. Halt – beinah wäre der Schlossberg vom Stadtteil Plieningen vergessen worden. Vor allem in diesen Bereichen erfüllt sich das zweischneidige Wort von Altbundespräsident Theodor Heuss : „Früher war unser Wein so eigenartig, dass ihn außerhalb kaum einer wollte, jetzt ist er so einzigartig, dass wir ihn gerne allein und selber trinken!“ Der Spruch könnte übrigens auch an einem der urigen Stammtische von Feuerbach oder in einer der vielen Vorortbesenwirtschaften geprägt worden sein. In diesen Domänen der Vierteles-Schlotzer dürfen ja grundsätzlich nur heimische, selbst an- wie ausgebaute Weine ausgeschenkt werden, und sie sind in der urwüchsigen Eigenart zudem hautnaher Beweis gegen angebliche Kontaktarmut der Einheimischen. Wie beim Weindorf ruckt man im Besen gerne eng zusammen und zögert nicht, dem Tischnachbarn von außerhalb – wenn’s sein muss auch dem vom „großen Vaterland“ (= nördlich der Mainlinie) – mit weinfach- und vespersachkundigem Rat beizustehen. „Nemmet Se lieber den Weiße, der passt besser zum Ripple mit
Rot: Den Weinbau in der Region Stuttgart dominieren Rotweine. Foto: DWI/Hartmann
Kraut.“ Ob es nun nach guter Tradition die klassischen Sorten wie Trollinger, Lemberger, Riesling oder Silvaner sind, die noch immer die Angebotspalette beherrschen, oder auch neue Varianten wie Chardonnay, Sauvignon, Zweigelt oder sorgsam komponierte Cuvé, die Weinstadt Stuttgart bietet vom Besen und der kleinen Weinstube über viele Weinfeste und das Weindorf, bis zum Gourmetrestaurant Gelegenheit in Fülle, zu erkunden und zu erschmecken, dass Weinland eben immer Kulturland bedeutet. Und dazu gehört ja die Tafelkultur allemal. Deshalb kann Stuttgart nach wie vor mit Nikolaus Lenau einladen: „Komm her bewegter Erdengast und halte hier vergnüglich Rast!“



»vineas in Stutgarten«
Seit 900 Jahren ist der Weinbau in der Landeshauptstadt belegt

von Dr. Christine Krämer

„Dieser statt einkommen und nahrung ist allein der weinwachs.“
So begründeten 1607 Vertreter Stuttgarts vor dem Landtag ihre Forderung an die Herrschaft, man möge die Rahmenbedingungen für die Weinwirtschaft verbessern. Die Stadt lebt zwar längst nicht mehr vom Wein, doch Reben prägen bis heute das Bild Stuttgarts: In welcher Großstadt reichen die Rebflächen schon bis an den Hauptbahnhof heran?

Wein-Stadt: Stuttgart im Jahr 1495. Der Holzschnitt von Georg Lang zeigt am
linken Rand das große Gebäude der
Kleinen Herrschaftlichen Kelter.
Foto: Archiv
Wein-Präsent

Es ist ein Totenverzeichnis des Klosters Blaubeuren aus dem frühen 12. Jahrhundert, in dem der Weinbau in Stuttgart erstmals erwähnt wird. Demzufolge schenkte ein Kleriker namens Ulricus dem Kloster „vineas in Stutgarten“. Festzustellen, wann genau das ursprüngliche Dokument abgefasst wurde, ist indes schwierig. Durch den Abgleich des Inhalts mit Daten aus anderen Quellen wird aber das Jahr 1108 angenommen, letztlich gesichert ist der Entstehungszeitpunkt allerdings nicht. Das Datum aufzugreifen ist trotzdem sinnvoll. Denn dem „Jubiläum“ kommt ohnehin ein symbolischer Charakter zu, da der Weinbau eines Orts schon etabliert sein muss, bevor er in Schriftstücken auftauchen kann. So dürften der Rebenanbau tatsächlich bereits um die Jahrtausendwende im Stuttgarter Tal Einzug gehalten haben.

Waren es also nicht die Römer, die den Weinbau in der Region eingeführt haben, wie oft und gern angenommen wird? Eine Kontinuität von Ertragsweinbau seit der Römerzeit gab es in Württemberg höchstwahrscheinlich nicht. Römische Weinkeller, Holzfässer und Amphoren lassen zwar auf den Handel mit Wein schließen, aber es fehlen Kelteranlagen. Und Funde von Traubenkernen rühren möglicherweise von importierten Trauben her. Die Rebkultur griff in der Merowingerzeit auf die rechtsrheinischen Gebiete über. Bis ins 10. Jahrhundert blieb sie auf das Unterland, den Neckargau und die Gegend um Heilbronn beschränkt. Bei dem an verschiedener Stelle zitierten Beleg von 708 für Weinbau in Cannstatt, demzufolge der alemannische Herzog Gottfried in einer Urkunde dem Kloster St. Gallen Weinberge übertragen habe, muss man genau hinsehen: Die betreffende Urkunde, in der Cannstatt erstmals erwähnt wird, stammt von etwa 700 und ist in Kopie überliefert. Weinberge werden in der Quelle nicht erwähnt.


Wein-Beeren: Johann Simon Kerner stellte Anfang des
19. Jahrhunderts sämtliche
144 Rebsorten des bilfinger-
schen Rebsortimentes auf kolorierten Stichen dar. Hier
die Sorte „Blauer Scheuchner“.
Foto: Archiv
Wein-Morgen

Die junge Weinkultur breitete sich im Hochmittelalter wie ein Lauffeuer aus. Das Kloster Bebenhausen besaß bereits 1286 Weingärten auf einer Fläche von 18 Morgen (etwa 6 Hektar) in verschiedenen Lagen in Stuttgart. Um 1350 waren in Stuttgart 1600 Morgen mit Reben bestockt. Ende des 16. Jahrhunderts erfuhr die Rebfläche mit 4000 Morgen ihre größte Ausdehnung. Auf derselben Fläche stehen heute noch etwa 10 Hektar. Die Rebfläche der Großlage Weinsteige, die neben den Stuttgarter Lagen auch die der rebflächenstarken umliegenden Orte wie Cannstatt, Fellbach oder Uhlbach einschließt, bringt es hingegen auf 420 Hektar.


Wein-Glanz

Der Weingenuss selbst dürfte früher nicht immer ein reines Vergnügen gewesen sein: Verunreinigungen und Oxidation waren an der Tagesordnung, die Weinbereitung ein ständiger Kampf gegen das Verderben. Zusatzstoffe, auch unerlaubte, schadeten bisweilen nicht nur dem Wein. Ende des 15. Jahrhunderts wurden reichsweit die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein kontrolliertes Schwefeln geschaffen – ein Meilenstein für die Bereitung von Qualitätsweinen. Trotzdem blieben die Stuttgarter Weine weitgehend einfache Weine, die nicht lange haltbar waren. So wurde der größte Teil im Jahr nach der Ernte getrunken und fiel danach beträchtlich im Preis. Wenn in den zeitgenössischen Weinbeschreibungen von „sauer“ die Rede ist, beschreibt das zwar oft den Kohlensäuregehalt des jungen, spritzigen Weins, aber von säurebetontem Geschmack war er in schwachen Jahren überdies. Die vorwiegend weißen, leichten Gewächse waren dennoch als Durstlöscher beliebt und als Tischwein überaus geschätzt. In medizinischen Abhandlungen des 16. Jahrhunderts wird Neckarwein als gesund und bekömmlich und anderen aus gesundheitlichen Gründen vorzuziehen empfohlen. Im 16. Jahrhundert, einer Hochzeit des württembergischen Weinbaus, wurde in der höfischen Literatur ein Loblied auf die besten Weine gesungen. Der Ruhm der Weine sollte Glanz für das Land bringen.


Wein-Hügel: Forstkarte des Stuttgarter Forsts von Georg Gadner aus dem Jahre 1589.
Die Hügel um Stuttgart sind
mit Rebensymbolen übersät.
Foto: Archiv
Wein-Sorten

Man teilte nun die Weine in gewöhnliche und Gewächsweine ein. Gewächsweine kamen aus besonders guten, definierten Lagen und wurden aus hochwertigen Rebsorten erzeugt. Die berühmtesten Stuttgarter Weine waren der Mönchberger, Zwerger, Falckmer und der Fellmer. Ende des 16. Jahrhunderts wird von Stuttgart berichtet, Herzog Friedrich habe in seinem Weinberg Falckmer, der in der Nähe des heutigen Boschareals lag, einen herausragenden Tropfen aus edlem rotem Traminer erzeugt. Charakteristisch für den Stuttgarter Weinbau war eine außergewöhnlich große Sortenvielfalt. Die Masse machten jedoch stets reich tragende Varietäten aus. Die anfänglichen Hauptsorten Heunisch und Elbling wurden seit dem 17. Jahrhundert durch Putzscheeren ersetzt, im 18. Jahrhundert gewann Silvaner stark an Bedeutung. Wie alle anderen Massenträger wurde er im Laufe des 19. Jahrhunderts vom Trollinger verdrängt.


Wein-Vielfalt

Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte die Weinbauregion eine zweite bedeutende Phase. Eine bisher nicht ausreichend gewürdigte Unternehmung war die Rebsammlung von Georg Bernhard Bilfinger (1693–1750). Er war zuerst Professor der Philosophie und der Mathematik, dann Theologieprofessor in Tübingen, seit 1735 Geheimrat und beschäftigte sich intensiv mit dem Weinbau. Er ließ zwischen 1748 und 1750 zwei Rebsammlungen in seinen Weinbergen auf Cannstatter Gemarkung anlegen, eine davon im Dorschenberg auf der Prag, die andere nahe Cannstatt. Er bezog dafür eine Vielzahl von Reben aus verschiedenen Ländern, um sie zu Studienzwecken und zur Vermehrung anzupflanzen. Die Sammlung enthielt viele Sorten, die man nirgendwo anders in Württemberg zu sehen bekam. Als Bilfinger 1750 verstarb, kaufte Herzog Karl Eugen die insgesamt 7 Morgen umfassende Anlage mit der Rebsammlung in den Parzellen Dorschenberg und Obere Klingen auf der Prag für 6400 Gulden. Die Aufsicht über das Rebsortiment erhielt der Botaniker Martini, der bereits zuvor die praktischen Tätigkeiten für Bilfinger ausübte.


Wein-Diebe

Alexander Wilhelm Martini (1702–1781) war zunächst als Gärtner in Tübingen angestellt und arbeitete dann als Inspektor am botanischen Garten in Stuttgart. Er beschrieb die Sorten der bilfingerschen Sammlung nicht nur, sondern pflegte die Rebsammlung so vorbildlich, dass Setzlinge daraus zur Verbesserung anderer Weinberge eingesetzt wurden. Letzteres geschah nicht nur auf legalem Weg: So begehrt scheint die exotische Bestockung des Weinbergs gewesen zu sein, dass die „fremden Arthen Wein stöck“ dort dem Raub ausgesetzt waren. Nach einem Diebstahl musste man Cannstatter Feldsteußler bezahlen, die in den Weinbergen der umliegenden Gemeinden nach möglicherweise aus dem bilfingerschen Weinberg entwendeten Rebstöcken fahndeten. Auch der Cannstatter Feldmesser Johann Michael Sommer, Autor des Handbuchs „Ausländische Weinstöcke zu pflanzen“, ging bei Martini in die Lehre. Martini versandte von ihm gezogene Rebstöcke sogar bis nach Russland. Zweifellos trug der Weinberg Bilfingers maßgeblich bei zur Verbreitung hochwertiger Rebsorten, die bis zu diesem Zeitpunkt in Württemberg noch unbekannt waren.

Weinlese im Neckartal, um 1830.
Ölgemälde von Johann Gottlob Gutekunst
Foto: Archiv
Sommer hatte von Stöcken aus der bilfingerschen Sammlung eine eigene Rebschule in Mühlhausen am Neckar, unweit von Cannstatt, aufgebaut. 1782 bot er laut seiner Verkaufsliste 51 verschiedene Sorten an, 1786 belief sich die Auswahl auf 71 Varietäten. Sommer konzentrierte sich hierbei auf die edlen Sorten. Auch Sommers Aktivitäten führten zur Verbreitung sogar seltener Rebsorten im südwestdeutschen Raum.


Wein-Lehrer
Im Umfeld der Hohen Karlsschule entstand in Stuttgart nicht nur eine praktische Abhandlung über den Weinbau aus der Feder von Johann Caspar Schiller, dem Vater des Dichters, sondern zwischen 1803 und 1815 auch die früheste bebilderte deutsche Ampelographie (Rebsortenkunde). Johann Simon Kerner (1755 bis 1830), Lehrer für Botanik und Pflanzenzeichnung an der Hohen Karlsschule, stellte in seinem Werk „Le raisin, ses espèces et variétés, dessinées et colorées d'après nature“ auf kolorierten Stichen sämtliche 144 Rebsorten dar, die im bilfingerschen Rebsortiment gepflegt wurden. Das weitgehend unbekannte Werk erfuhr wegen der hohen zeichnerischen Qualität höchste Anerkennung jener wenigen zeitgenössischen Rebkundler, die es einsehen konnten.


Wein-Wissen

Das herausragende Wissen der Stuttgarter Weinfachleute des 18. Jahrhunderts konnte in der breiten Weingärtnerschicht nicht umgesetzt werden, weil es an den finanziellen Möglichkeiten fehlte. Trollinger war in Stuttgart und Cannstatt in den besten Lagen zur Hauptsorte avanciert – und ist es bis heute geblieben. Es ist wichtig, jetzt an diese bemerkenswerte Neugierde zu erinnern, die den Stuttgarter Agrarfachleuten eigen war – in einer Zeit, in der Württemberg das blasse Trollingergesicht ablegt, in der es sich als Weinanbauregion weltgewandt und zugleich bodenständig gibt und wo aufgeschlossene Erzeuger gewissenhaft Weinqualitäten zu produzieren begonnen haben, die international anerkannt sind.



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