Durchblick: Bei einer geführten Wanderung durch die Weinberge erfährt man Wissenswertes rund um den Stuttgarter Weinbau und seine Geschichte. Foto: Karin Gessler
Zu Fuß auf Weines Pfaden
Eine Stuttgarter Weinwanderung

von Karin Gessler


Weinberge mitten in der City und in den Neckarvororten machen den besonderen Charme der Landeshauptstadt aus. Was lag also buchstäblich näher, als Einheimische und Gäste zu Weinwanderungen durch die städtische Rebenlandschaft einzuladen? So wurden in den letzten Jahren drei Weinwanderwege ausgeschildert, die in sechs Touren die Stuttgarter Weinkultur erschließen. Wer eine der geführten Wanderungen bucht, die die Stuttgart Marketing von Mai bis Oktober an jedem ersten Sonntag im Monat anbietet, erfährt nicht nur viel Wissenswertes über den Wein und seine Geschichte, er kann die angebauten Rebsorten bei einer Weinprobe auch gleich verkosten.



Ausblick: Vom Zuckerberg aus hat man
einen wunderbaren Ausblick auf den Neckar und das „Golden Gatele“ bis hinüber zur Grabkapelle auf dem Württemberg.
Foto: Karin Gessler
Zuckerle im Blick
Wir haben uns für den Cannstatter Weinwanderweg angemeldet, genauer für die Tour zwei vom Max-Eyth-See nach Mönchfeld, um die berühmte Lage Cannstatter Zuckerle zu erkunden. Treffpunkt ist die Haltestelle Wagrainäcker der U 14, wo wir schon von Frau Waltl erwartet werden, pünktlich um 11 Uhr geht es los. Die erste Überraschung: Den Weg durch den Park und die Wiesen belagern Graugänse. Nur zögerlich, wer weiß, wie sie reagieren, nähern wir uns. Doch die seltenen Gäste zeigen sich überraschend friedlich. „Sie sind vor Jahren auf der Durchreise hängen geblieben“, erfahren wir, „und pendeln nun zwischen Max-Eyth-See und Schlosspark.“ Vom Haidschloss, einer römischen villa rustica, blieben Fundamentreste. Es waren die Römer, die die Reben über die Alpen brachten, im Mittelalter nahmen sich dann die Mönche der Pflege des Weins an, die Weingärten an unserem Wanderweg gehörten den Klöstern St. Gallen und Lorch. Auf der eleganten Max-Eyth-Brücke, dem „Golden Gatele“, entworfen von den Stuttgarter Ingenieuren Jörg Schlaich und Brigitte Schlaich-Peterhans, bleiben wir stehen und genießen den Blick auf die prächtige Kulisse der rebenbewachsenen Prallhänge des Neckars, vor der Schiffe und Paddelboote geruhsam flussabwärts gleiten. Ruhig und friedvoll fließt der Neckar gleichsam einer Hauptschlagader Württembergs unter dem Zuckerberg vorbei.


Stäffele und Trockenmauern

Die sonnigen Steilhänge mit Stäffele und Trockenmauern faszinieren uns. „Früher galt: Da wo der Pflug kann gehen, soll kein Weinstock stehen“, zitiert Frau Waltl. „Also baute man an den Hängen Steinmauern, um wenigstens schmale Terrassen zu erhalten, auf denen man die Reben pflanzen und gerade stehen konnte.“ Zudem sind Trockenmauern wunderbare Sonnenspeicher, die die Wärme in der Nacht an die Trauben abgeben und so die Güte des Weins erheblich verbessern. Sie zu bauen ist eine nur noch von wenigen beherrschte Kunst. Die richtige Neigung und das Hintergemäuer aus langen Steinen, die bis zu einem Meter in den Berg hineinragen, geben den ohne Mörtel gefügten Mauern Stabilität.


Blick zum Württemberg

Mittlerweile haben wir die Höhe erklommen und wandern gemütlich den Hang entlang. Weit streift der Blick über die Weinberge, den Neckar und die Stadt bis hinüber zum Württemberg, auf dem König Wilhelm I. 1820 für seine früh verstorbene Gemahlin Katharina anstelle der alten Stammburg der Württemberger eine Grabkapelle errichten ließ. Unten im Neckartal ist die Kirche St. Barbara in Hofen zu erkennen, die einzige im heutigen Stadtgebiet, die nach der Reformation katholisch blieb, gehörte die Gemeinde Hofen doch den Herren von Neuhausen. Herzog Karl Eugen, selbst katholisch, kam häufig zum Gottesdienst hierher. Sehenswert ist auch die von Prager Künstlern aus der Bauhütte der Parler geschaffene Veitskapelle im benachbarten Mühlhausen.



Trollinger von alten Reben

Einige Weinberge sind neu angepflanzt. „Bis ein Weinstock vollen Ertrag bringt, braucht es mindestens vier Jahre“, erklärt Frau Waltl. Auf den Muschelkalkböden der Lage Cannstatter Zuckerle werden etwa 60 Prozent Rotwein und 40 Prozent Weißwein angebaut. Die Wengerter stehen vor der schwierigen Entscheidung, weiter auf altbewährte, standorttypische Sorten wie den Trollinger zu setzen, der noch etwa 70 Prozent der Rotweine ausmacht, oder dem derzeitigen Trend zu folgen und auf Gerbsäure betonte Weine wie Burgunder, Cabernet und Sauvignon umzustellen. Auf einer kleine Terrasse mitten in den Weinbergen begrüßt uns Familie Bauer mit einem fruchtigen Riesling zur Weinprobe. Um uns herum gedeihen Lemberger, Riesling und Trollinger, die Trauben sind in diesem verrückten Jahr 2007 schon Anfang Juli so groß wie sonst erst Ende des Monats. Bewirtschaftet wird der Weinberg ganz traditionell von Hand, nur die Spritzbrühe wird über Stahlleitungen nach oben gepumpt – die einzige Erleichterung, erzählt Wilhelm Bauer. Nach einem Lemberger Rosé mit kräftigem Unterton kredenzt er uns einen wunderbar feinfruchtigen Trollinger, gereift an über 50 Jahre alten Rebstöcken – ein starkes Argument für die Pflege des schwäbischen Nationalgetränks. Zum Ausklang werden wir mit einem kräftigen Lemberger der Lage Feuerbacher Berg verwöhnt, der auf der Zunge bitzelt. Über den richtigen Umgang mit Wein philosophiert Wilhelm Bauer: „Die Dosis macht ‘s Gift – aber manchmal isch ‘s Übertreiba saumäßig schee.“



Durch steile Lagen
Weinwandern von Hedelfingen nach Rohracker

von Dr. Gunther Link

Unsere Tour folgt zum Teil den beiden Stuttgarter Weinwanderwegen „Hedelfingen“ und „Rohracker“. Sie führt uns durch die Hedelfinger und die Rohracker Wein-Einzellage Lenzenberg. Im Mix von rebflurbereinigten Hängen, extrem steilen Terrassenanlagen, aufgelassenen Weinbergen und den historischen Zentren der beiden Weinorte zeigt sie uns die Besonderheiten des Weinbaus in Stuttgart. Und sie bietet zugleich Ausblicke auf das Neckartal bis zur Schwäbischen Alb. Unterwegs bestehen mehrere Gelegenheiten, den Wein, der hier wächst, auch zu probieren.

Ausgangs- und Endpunkt

Stuttgart-Hedelfingen, Hedelfinger Platz. Öffentliche Verkehrsmittel: Stadtbahnlinien U 9 und U 13, Buslinien 62, 65 und 103, Haltestelle „Hedelfingen“. Parkmöglichkeiten: beim Hedelfinger Platz. Anfahrt über die B 10, Ausfahrt Hedelfingen.



Wegverlauf

Los geht’s auf dem Hedelfinger Platz zur Rohrackerstraße. Wir wenden uns etwa 250 Meter später nach rechts in den Beundweg, gehen den nächsten abzweigenden Weg wieder rechts, dann links einen Treppenaufgang hoch zum Alosenweg. Hier gehen wir in einer Links-rechts-Kombination an einem kleinen Gebäude der Weingärtnergenossenschaft Hedelfingen eG vorbei den Berg aufwärts. Das asphaltierte Sträßchen verläuft in einer Linkskurve zunächst durch Freizeitgrundstücke hindurch. Wir befinden uns hier auf einem Teilstück des Stuttgarter Rundwanderweges.




























Tourensteckbrief
Hedelfingen – Einzellage
Lenzenberg – Rohracker –
Frauenkopf – Rohracker –
Alte Kelter – Hedelfingen

Länge: 9 Kilometer
Zeit: 4 Stunden
Höhenunterschied: 347 Meter
Empfohlene Karte: 1 : 15 000
Stadtplan Stuttgart, Stadtmessungsamt Stuttgart
Einkehr: Hedelfingen, Rohracker
Weineinkauf: Hedelfingen, Rohracker
Sonstiges: Man geht auf festen Wegen, dazwischen auch einige Treppenauf- und -abgänge.


An der ersten Weggabelung halten wir uns links, ebenso wie wenige Meter danach bei der nächsten Weggabelung. Hier verlassen wir bereits wieder den Stuttgarter Rundwanderweg. Unsere Tour führt weiter steil den Berg hinauf. Nicht lange, dann verläuft der Weg ebenerdig und der Blick öffnet sich zum Neckarhafen und den Weinbergen von Untertürkheim bis nach Mettingen. Links ist der Württemberg mit der Grabkapelle zu sehen. In einer Rechtskurve geht es hinein in die Weinberge von Hedelfingen, der Einzellage Lenzenberg. Rechts stehen Trollinger-, links Rieslingreben. Leicht bergabgehend taucht vor uns Rohracker auf und am Horizont der Fernsehturm. Ein Schild informiert uns über den Trollinger, und eine Bank lädt zur kurzen Rast und zum Genießen des schönen Ausblicks ein. Danach halten wir uns rechts, weiter den Berg hinauf. Hier befinden wir uns auch auf dem Stuttgarter Weinwanderweg, der allerdings in entgegengesetzter Richtung verläuft. Eine Tafel des Stuttgarter Gartenbauamtes gibt Auskunft über den Riesling. Wir kommen zu einem querenden Sträßchen, mit Bänken und Gedenkstein zur Flurbereinigung. Wir wandern hier weiter nach links durch die Weinberge hindurch, leicht den Berg aufwärts. Wenig später geht es wieder abwärts, vorbei am Vereinsgarten des Obst- und Gartenbauvereins Hedelfingen e.V. und an Freizeitgrundstücken entlang. In einer Linkskurve quert ein weiteres Sträßchen. Auch hier halten wir uns links, es geht erneut eine kurze Strecke hinein in die Weinberge. Wir kommen jetzt auf den Engenbergweg. Überreste von Trockenmauern belegen, dass einst auch hier Rebstöcke standen. An einer etwas unübersichtlichen Kreuzung, rechts sind wieder Weinberge zu sehen, halten wir uns links. Der Weg wird immer steiler. Unten an den ersten Häusern von Rohracker angekommen, führt eine kleine Brücke über den Dürrbach.

Danach verläuft unser Weg nach links zur Dürrbachstraße, dort scharf nach rechts. Wir verlassen hier den Stuttgarter Weinwanderweg. Die Straße macht am Ende der Häuser eine Linkskurve den Berg hinauf in Richtung Kirche. Vor der Kirche taucht wieder ein Schildchen des Stuttgarter Weinwanderweges auf. Direkt gegenüber des Kirchturms geht rechts ein gepflasterter Weg ab. Vorbei an einer modernen Metallskulptur führt der Weg hier den Berg hinauf, zunächst durch einen Spielplatz hindurch, dann überqueren wir den Egerweg und wandern in Serpentinen durch eine Grünanlage. Wir verlassen die letzten Häuser von Rohracker. Am Ende eines Treppenaufgangs überqueren wir ein Sträßchen und wandern geradeaus weiter den Berg aufwärts; an der nächsten Weggabelung nach rechts. Über einen unbefestigten Weg geht es hinein in den Wald. Wieder öffnet sich der Blick nach links ins Neckartal. Am Wald entlang führt uns die Tour am Sportgelände des SKV Rohracker mit öffentlicher Gaststätte vorbei. 100 Meter später kommen wir zur Haltestelle „Frauenkopf“. Wir passieren die Frauenkopfstraße und gehen auf der anderen Seite die Rosengartenstraße entlang, hier wieder auf dem Stuttgarter Weinwanderweg. Am Eselweg besteht die Möglichkeit zu einem Abstecher nach links zu den Weinbergen unterhalb des Stadtteils Frauenkopf.

Kurz vor dem Wald zweigt unser Weg von der bisherigen Straße nach links ab, geht in ein schmales Sträßchen über, hinein und hinunter in den Wald (jetzt auch Markierung roter Punkt). Am Ende des Waldes, nach einer scharfen Linkskurve, beginnen wieder Weinberge. Vorbei an der ehemaligen Burg Rohreck erreichen wir Rohracker über die gleichnamige Straße. Nach einer Linkskurve und dann in einer folgenden Rechtskurve führt von der Rohrackerstraße nach links unser Wanderweg weiter ein Stück den Berg hinauf. Bereits nach 100 Metern verläuft das asphaltierte Sträßchen scharf nach rechts unterhalb der Weinberge entlang. An der nächsten Weggabelung gehen wir nach rechts leicht abwärts. Der asphaltierte Weg geht bald in einen gekiesten über. Wieder nach rechts führt ein Treppenabgang zu den Häusern von Rohracker hinunter.

Unten stoßen wir wieder auf die Rohrackerstraße und wenden uns nach links. Wenige Meter später, vor der Kirche, verlaufen erneut Treppen rechts hinunter. Wir folgen hier weiter der Markierung roter Punkt, vorbei an der evangelischen Bernhardskirche auf dem Geißhirtlesweg. Unten angekommen, ist links die Alte Kelter mit dem Weinverkauf der Weingärtnergenossenschaft Rohr­acker. Unmittelbar nach dem Restaurant mit Biergarten, der Sonne, geht es bereits wieder nach rechts, einen schmalen Fußweg über den Bußenbach. Nach der Brücke führt ein Fußweg nach links am Bach entlang zur Dürrbachklause Da Domenico. Vor ihr gehen wir nach links durch ein Sportgelände und an einem Parkplatz entlang. Die Rohrackerstraße, auf die wir hier wieder stoßen, gehen wir nach rechts und verlassen damit den Stuttgarter Weinwanderweg. Vor dem Haus Rohrackerstraße 144 wenden wir uns nach links, dann steigen wir geradeaus steil den Berg hinauf. Zwei Bänke laden zu einer kurzen Ruhepause ein, bevor wir weiter den Berg hinaufwandern. Nach einem Brunnen und einigen Treppenstufen wenden wir uns nach rechts. Oberhalb der Häuser von Hedelfingen und unterhalb der Weinberge wandern wir immer geradeaus, mal leicht aufwärts, dann wieder etwas abwärts und auch wieder auf dem Stuttgarter Weinwanderweg, bis zum Alosenweg. Wir schließen unsere Wanderung allerdings nicht auf dem bereits bekannten Weg zurück zum Hedelfinger Platz ab, sondern wandern auf dem Alosenweg nach rechts, am Beundweg vorbei, und nehmen danach einen Treppenabgang nach links hinunter zur Rohrackerstraße. Wir überqueren diese und kommen über die Heumadener Straße zur Kelter der Weingärtnergenossenschaft Hedelfingen. Und von dort, vorbei an der Weinstube Im Alten Haus und der Friedhofskirche, weiter zum Hedelfinger Platz.

Quelle: Buch Silberburg-Verlag „Wein-Ziele im Ländle” >>



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