Ein Roter – nobel, rassig, elegant
Auch der Spätburgunder prägt das Weinland Württemberg

Von Manfred Strobach


Foto: DWI


Der Name Württemberg sollte im deutschen Weinatlas eigentlich in royalem Purpur strahlen. Denn immerhin dominieren die roten Sorten die Anbaustatistik zu gut 70 Prozent. Wohl nicht der Menge nach, aber gewiss wegen seiner Klasse spielt dabei der Spätburgunder eine prägende Rolle, als hochgelobte Traube, als Genuss für gehobene Ansprüche.


Beim Ausflug in die Weingeschichte begegnet man der Spielart der „vitis vinifera occidentalis" schon zu grauer Vorzeit im Niltal. Hierzulande soll sie ein Enkel Karls des Großen - Karl der Dicke - schon 884, drei Jahre nach seiner Kaiserkrönung, an den Bodensee in die Kaiserpfalz zu Bodman gebracht haben. Wesentlich später, im 14. Jahrhundert, wird die Burgunderrebe sowohl in „Avetal" (Affental) in der badischen Ortenau wie auch im Rheingau beim Kloster Eberbach nachgewiesen. Auf jeden Fall haben sich die Zisterzienser große Verdienste um die Ansiedlung der wertvollen Sorte erworben. In Württemberg freilich herrschte noch lange Zeit eine ziemlich verwirrende Vielfalt in den Rebordnungen.

So zählte ein Experte noch um 1850 vor allem weiße, blaue, gelbe, rote und schwarze Variationen vom „Heunisch" auf, während ein anderer Ampelograf um diese Zeit wenigstens schon Sorten wie Elbling, Römer, Fütterer, Traminer oder Rosenkranz und Sauerschwarz zu benennen wusste. Zwei Bezeichnungen in seiner Liste aber lassen die Vermutung zu, dass schon die Rebe gemeint war, die wir heute als Spätburgunder schätzen und achten: nämlich „Clevner“ und „Affenthaler“. Zudem verzeichnet das Uracher Lagerbuch schon für 1554 in Metzingen eine Klevnerhalde in bester Lage. Und danach werden als gute Klevnerorte auch Beinstein und Endersbach im Remstal und aus der Stuttgarter Nachbarschaft Wangen und Mühlhausen erwähnt.

Anspruchsvoller Schützling
Mit rund 11300 Hektar sind heute auf deutschem Wurzelgrund zehn Prozent mit der Sorte bestockt, die in ihrer französischen Heimat Pinot Noir genannt wird. In der württembergischen Anbaustatistik hat sich der edle Rote mit rund 900 Hektar jetzt eine Quote von acht Prozent erobert. Und das mit steigender Tendenz, weil einerseits dem Spätburgunder in unseren Regionen wegen der moderaten Klimaverhältnisse mehr Zeit zu kontinuierlicher Reife bleibt und er deshalb Aroma und Eleganz gut entwickeln kann. Dafür verlangt er aber auch entsprechende Sorgfalt im Anbau und gute Lagen, dem Riesling vergleichbar. Werden die Weingärtner diesen Ansprüchen ihres wertvollen Schützlings gerecht, dürfen sie mit überdurchschnittlichen Qualitäten rechnen - was zum Beispiel die Ausgewogenheit von Fruchtsäure und Aromen betrifft. So erklärte auch die Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts, Monika Reule, dass Klasse und Rasse der deutschen Spätburgunder in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben, was unter anderem zahlreiche internationale Auszeichnungen eindrucksvoll bewiesen hätten.

Aromen von Mandeln und Beeren

Dabei haben sich inzwischen die Weingärtner Württembergs diesem Trend ebenfalls nachhaltig angeschlossen – immerhin rangieren sie in der deutschen Pinot-Rangordnung flächenmäßig bereits auf dem vierten Platz. Doch nicht nur quantitativ liegt der schwäbische Spätburgunder beachtlich im Rennen. Unbestritten kann sich seine Qualität sehen und vor allem schmecken lassen. Kraft und samtene Fülle vereinen sich bei den heimischen Kreszenzen mit feinen Mandel- und Beerenaromen und reizvollem Bukett, was Kenner höher bewerten als etwa den strengeren Charakter der meisten Varianten aus dem Bordelais. Auch weniger Alkoholwucht und das Fehlen strenger Bitterkeit werden von Experten positiv hervorgehoben.

Foto: DWI

Signale für die Sinne

An den schwäbischen Talhängen begünstigen zudem feine Unterschiede bei den Böden und den Kleinklimaten die Geschmacksvarianten. Das „Bodag'fährtle", wie man's im Ländle nennt, ist Signum für Nase und Gaumen, mal elegant und eher neutral von Keuper und Mergel, mal mild und zart von Lösslehm oder leicht rauchig vom Jura und würzig vom Muschelkalk. So wie die Spuren des Wurzelgrundes für Nase und Gaumen Qualitätssignale übermitteln, so registriert das Auge an Farbnuancen Charaktermerkmale des Spätburgunders.

Aromenreich

Spätburgunder sind vollmundig und samtig, mit einem feinen, an Bittermandeln erinnernden Aroma. Den Geschmack der traditionellen Ausbauform prägen Reife, Gerbstoffarmut und eine feine Säure. Moderne Spätburgunder weisen ein kräftiges Rot auf, besitzen mehr Gerbstoff und weniger Säure. Besonders bei Jungweinen kann das Aroma an Brombeere, Erdbeere, Kirsche oder Schwarze Johannisbeere erinnern. Im Alter gleicht es eher Nüssen mit einem zarten Bitterton.

Gesundheitsfördernde Wirkung

Glaubt man einer Legende über den Weinursprung, so hat in grauer Vorzeit König Dschemschid, ein Urenkel Noahs, Reben in seinem altpersischen Palastgarten kultiviert, um die Früchte als Tafeltrauben zu genießen. Nach der Ernte hat man einen Teil der Trauben in einer Tonne im dunklen, kühlen Kellergewölbe aufbewahrt. Doch nach einiger Zeit schrumpften und zersetzten sich die Beeren, und der rumorende Tonneninhalt wurde als Gift verkannt und weggeschlossen. Als eine der Frauen des Königs sich wegen zu heftiger Kopfschmerzen umbringen wollte, wählte sie die vermeintlich giftige Flüssigkeit als Todestrank – doch siehe da, je mehr die Leidende von dem Traubensaft schluckte, desto deutlicher schwanden ihre Schmerzen und desto wohler fühlte sie sich. Ihren Bericht an den König von der wundersamen Wirkung der unbekannten Flüssigkeit könnte man als Schilderung der ersten Maischegärung werten. Denn noch immer gedeihen bei den Rotweintrauben mit den Farbstoffen unter der Beerenhaut, den sogenannten Anthocyanen, auch die Spurenelemente, denen kluge Ärzte gesundheitsfördernde Kräfte zuweisen. Übrigens hat es Jahrhunderte gedauert, bis man bei der Rotweingewinnung die Methoden verfeinert hat, um die Farbschönheit zu intensivieren und zu sichern. Beim Zerdrücken der Burgundertrauben, die eben die nötigen Pigmente nicht im Fruchtfleisch, sondern nur unmittelbar unter der Beerenhaut enthalten, wurde lange Zeit nur heller oder bestenfalls roséfarbener Most gewonnen.


Gären muss es

Nach den Methoden des schnellen Abpressens werden heute noch der Blanc de Noir („weißer vom Schwarzen“) und der Weißherbst erzeugt. Für die Gewinnung von echtem Rotwein, zum Beispiel vom Spätburgunder, gelten heute grundsätzlich zwei Verfahren. Zum einen die Maischegärung, bei der man den Most auf den zerquetschten Beeren unter sorgsamer Beobachtung angären lässt. Dabei nutzt man die bei der Gärung entstehende Wärme für die Farbgewinnung. Zudem werden dabei Gerbstoffe (Tannine) frei, die Geschmack und Aroma beeinflussen.


Spätburgunder:
Funkelnde Köstlichkeit
Foto: DWI

Schnell und heiß

Vermeintlich einfacher und schneller ist die andere Methode, bei der die Maische kurzzeitig auf 67 bis 85 Grad erhitzt, gleich auf 20 Grad zurückgekühlt und danach gepresst wird. Beide Verfahren erfordern viel Sorgfalt und großes Können, wobei die Maischegärung freilich von Kennern wegen der intensiveren und differenzierten Aromabildung mehr geschätzt wird. Die Erhitzung spart wohl Zeit und Aufwand, führt aber in der Regel zu weniger individuellen und zuweilen auch „gekocht" schmeckenden Weinen.

Zeit zur Reife

Die Maischegärung wird übrigens von den meisten Kellermeistern auch deswegen vorgezogen, weil dabei die Lagerfähigkeit des roten Burgunders verbessert wird. Kriterien, die zur gedeihlichen Kellerkarriere beitragen, sind solide Struktur und Körper des noblen Roten. Diese Qualitätsmerkmale begünstigen auch den Ausbau in kleineren Eichenfässern (228 Liter) - auf den zum Beispiel die Kennzeichnung „Hades" hinweist, die einer Vereinigung schwäbischer Barriquepioniere vorbehalten ist. Für Barriquepinots empfiehlt sich zudem eine angemessene Lagerzeit, damit sich Weinaroma und Holztannin optimal harmonisieren können. Überhaupt sollte man dem Spätburgunder Zeit zur Reife gönnen, die ihm wegen seiner differenzierten Persönlichkeit gebührt.

Frühes Sonnenbad

Von grundsätzlicher Bedeutung vor dem Ausbau im Keller aber ist bereits die Arbeit im Weinberg und bei der Ernte. Da der Burgunder dankbar ist für morgendliche Wärme, ist schon bei der Standortwahl auf günstige Süd- oder Südwesthang-Lage zu achten. Wie bereits erwähnt, benötigt die Pinotrebe grundsätzlich gute Lagen, wenn der Weingärtner entsprechende Qualität bei der Ernte erhofft.

Überblick: Spitzenwinzer
Hans-Peter Wöhrwag prüft
den Wuchs seiner
Spätburgunderreben.
Foto: Privat

Geschmackvoller Spaziergang

Ob nun, wie bei vielen württembergischen Weinbergen, unterschiedliche Keuperverwitterungen wie im Remstal, Muschelkalk wie im Neckartal oder gar eine Verbindung von beiden wie am Verrenberger Verrenberg – der Wurzelgrund gibt schwäbischem Pinot seine individuellen Eigenarten mit, wenn bei der Ernte peinlich auf gesundes und reifes Lesegut geachtet wurde. Dann kann der Weinfreund bei der Suche nach dem ganz persönlichen Favoriten allein beim Spätburgunder-Probieren zu einem Zungenspaziergang durch Württemberg aufbrechen, um festzustellen, wie man Weinheimat erschmecken kann: vom Untertürkheimer Gips oder dem Herzogenberg über das Remstal, vom Fellbacher Lämmler über die Schnaiter Burghalde zum Hebsacker Lichtenberg, weiter ins Neckartal zum Gundelsheimer Himmelreich oder dem Bönnigheimer Sonnenberg, schließlich im Unterland zur Burg Wildeck, dem Neckarsulmer Scheuerberg und dem Neipperger Schlossberg. Oft kann man feststellen, dass viele Lagen, die für „große Gewächse" beim Spätburgunder garantieren, auch schon von entsprechenden Rieslingangeboten bekannt sind; dass in der Wengertergarde, die für Klasse und Rasse zuständig ist, Genossenschaften wie in Fellbach oder auf dem Württemberg, renommierte Güter oder das Staatsweingut in Weinsberg, „Junges Schwaben" und klassische „Hades"-Betriebe einträchtig nebeneinander den guten Ruf des Weinlandes Württemberg fördern und stützen. Und dass gerade ihre Spitzenprodukte beim Thema Spätburgunder von Spitzenkreationen der heimischen Gastronomie optimal ergänzt werden, zählt als weiteres Argument in der Beweisführung für das schwäbisch-kulinarische Bekenntnis: „’s gibt nix Bessers als ebbes Guats!"




Ein samtiger Geselle
Auch ein Softie ist ein echter Kerl

Von Karin Wiemer


Adelig: Der Samtrot gilt als König unter den Burgunderweinen
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Schon der Name bringt es auf den Punkt: Samtrot heißt eine Württemberger Rebsortenspezialität – und genauso ist der Wein. Auch wenn er oftmals leicht und fruchtig daherkommt, sollte ihn der Weinfreund nicht unterschätzen: Ist er doch ein echter Spross aus der Burgunderfamilie – und schon von seinen Anlagen her ein wahres Edelgewächs. Aufmerksame Pflege und gemäßigten Ertrag honoriert er mit Charme und Eleganz.


Samtrot – ein Softie, Schmeichler und Frauenwein, könnten böse Männerzungen schon ob des zarten Namens spötteln. Und während sie sich in der Weinstube ausschließlich am süffigen Trollinger laben, wissen sie nicht, was sie verpassen ...

Samtrot – den Namen kann nur ein Mann erfunden haben, könnten spöttische Frauenzungen sagen. Abgestempelt ob seiner augenscheinlichsten Eigenschaften, ohne ihn wirklich zu verstehen. Und recht haben sie, zumindest was den Namen betrifft. Denn 1950 tauften Ernst Klenk, Direktor der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt Weinsberg, und führende Vertreter des Württembergischen Weinbaus die bis dato namenlose Rebsorte. Heute wächst sie nahezu ausschließlich im Land ihrer Entdeckung, im Ländle. Mit über 400 Hektar nimmt sie derzeit rund 3,5 Prozent der Rebfläche in Württemberg ein und bleibt als „Württemberger Burgunder“ eine hiesige Spezialität.


Was wächst denn da?

„Kenner trinken Württemberger“ bekommt in Bezug auf den Samtrot eine tiefere Bedeutung. Anfang der 1920er-Jahre war es, als Hermann Schneider bei Heilbronn einen Rebstock entdeckte, der sich von den anderen Schwarzrieslingreben unterschied. Beinahe wäre der „Neuling“ sofort wieder verschwunden, denn zunächst musste er den Vorschriften gemäß vernichtet werden – was der Bauer nicht kennt ...

Hermann Schneider wie auch die Rebmutationen waren hartnäckig und so übernahm die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg 1929 die Vermehrung der Rebe.
Eine Weile musste der neu entdeckte Rebenklon noch warten, bis er schließlich 1958 beim Bundessortenamt eingetragen und damit offiziell zugelassen wurde. Als natürlich aufgetretene Mutation des Schwarzrieslings zählt er wie dieser zur Burgunderfamilie. Daher wird der Samtrot im Rebsortenregister und weinrechtlich als Klon des Blauen Spätburgunders geführt.


Mutation mundet

Im Ländle nennt man die echt schwäbische Spezialität aber dennoch gern beim Namen. Schon sehr früh haben die Wengerter in Hausen an der Zaber auf die neue Sorte gesetzt, die sich von Weinsberg aus überwiegend im Heilbronner Raum ausbreitete: Bereits 1957 konnte die Genossenschaft Hausen den Jungfernertrag im Keller ausbauen – und bis heute haben die Genossen des heutigen Jupiterweinkellers nun schon an „ihrer“ Sorte festgehalten und die Anbaufläche erweitert. Mittlerweile nimmt sie rund 18 Prozent der genossenschaftlichen Ertragsrebfläche ein. Eine folgerichtige Entscheidung, denn in der Region darf’s ruhig ein bisschen süßer sein – und dafür ist die Rebsorte prädestiniert: „Ein Schmeichler“, meint Ulrich Kopp verschmitzt, und fügt an, was manch männlicher Samtrot-Schlotzer gar nicht gern hört: „ein Frauenwein, wie man so sagt.“ Der Geschäftsführer des Jupiterweinkellers sieht die Sorte „sehr im Trend“ mit ihrer weicheren, fruchtigen Art. „Damit treffen wir den Geschmack der Halbtrocken-Trinker fast zu hundert Prozent“, weiß er. Zwischen „modern trocken“ mit bis zu sechs Gramm Restzucker und halbtrocken bis maximal 18 Gramm könne man eine große Bandbreite abdecken. Der Samtrot Weißherbst gehört in Hausen dabei mit zu den stärksten Produkten. Als süffiger, aber dennoch gehaltvoller Vertreter ist er ein idealer Warme-Tage-Wein. Ulrich Kopp sieht ihn dann auch weniger als Essensbegleiter, sondern als „guten Wein zum Süppeln“, kombiniert mit einem leichten Vesper. Den lachsfarbenen Wein gibt es auch in einer besonders prickelnden Form: als Weißherbst-Sekt.


Keiner wie der Fleiner

Die Kollegen in Flein haben eine treue Samtrot-Fangemeinde. Mit ihrem Kabinett, zwischen halbtrocken und lieblich das mengenmäßig stärkste Samtrot-Produkt, setzten sie im Jahr 2010 bundesweit knapp 110 000 Flaschen um. Aus dem weitgefächerten Sortiment rund um den Samtrot sticht der „Karmeliter“ besonders hervor: eine trockene, maischevergorene Spätlese, die fast ein Jahr im 3000-Liter-Holzfass liegt. Rund 40 Hektar Rebfläche ist bei den Weingärtnern Flein-Talheim mit Samtrot bestockt – was rund zehn Prozent der Samtrot-Anbaufläche in Württemberg ausmacht. „Samtrot ist als regionale Spezialität ein Glücksfall, damit können wir uns vom badischen Spätburgunder absetzen“, freut sich Vorstandsvorsitzender Martin Göttle. Als Begleitung zum Essen mit fruchtiger Note sei er mit seinen typischen Burgunderaromen ideal: zum „schönen Rehbraten mit cremiger Sauce und Preiselbeeren“ – oder einfach zum klassischen Hefezopf.


Beliebter Burgunder

In Lauffen ist der Katzenbeißer eine übers Ländle hinaus bekannte Marke. Weniger bekannt ist, dass die Lauffener Weingärtner mit knapp 60 Hektar flächenmäßig zu den größten Samtrot-Erzeugern gehören. Rund 700 000 Flaschen Samtrot verkaufen die Lauffener pro Jahr, wie Uwe Schöttle weiß. Als Geschäftsführer ist er mit den Geschmäckern der Kunden bestens vertraut. „Die Rebsorte hat an Beliebtheit gewaltig zugelegt“, erzählt er, „auch außerhalb von Württemberg.“ Kellermeister Michael Böhm baut die Weine fast ausschließlich im halbtrockenen bis lieblichen Bereich aus, „das steht ihm einfach gut“, erklärt er. Als „eigenständigen Charakter“ sieht Böhm ihn: „Samtig, weich, rund – ohne Ecken und Kanten ist er einfach unkompliziert, steht für Freude am Genuss und animiert zum Weitertrinken.“ Mit dem Spruch „Da kannst du ein Glas trinken – und hörst erst auf, wenn die Flasche leer ist“ sei der Samtrot eigentlich treffend beschrieben. Allein 300 000 Flaschen des Kabinettweins, mit 18 g/l Restzucker im unteren lieblichen Bereich, werden so genussvoll „vernichtet“. Eine Ausnahme ist die trockene Spätlese, die zum Essen auch eine gute Figur macht.

Verlässt man Fundort und damit Heimatregion der Rebsorte und begibt sich ins Remstal, trifft man den Samtrot auch in der Premiumliga an. Bei der Remstalkellerei in Weinstadt-Beutelsbach ist der als Drei-Sterne-Wein klassifizierte Samtrot mittlerweile ein „Klassiker“, so Geschäftsführer Heiko Schapitz: „Bei uns sind die Weine in der Regel etwas trockener als im Unterland“, erklärt er, im Premiumbereich ist der samtige Tropfen aber der einzige restsüße Vertreter im Sortiment – eben „für normale Weintrinker, die einen tollen Wein wollen, aber nicht drüber stolpern“, so umschreibt es der Geschäftsführer. Es habe sich einfach so eingebürgert, dass „Ich bin ein Samtrot, ich bin kein Trockener“ gelte. „Der Schwarzriesling ist ein schöner Zechwein, der Samtrot etwas für festliche Gelegenheiten und fröhliche Anlässe“, charakterisiert er das Potenzial des Burgunderklons.


Rund, weich, frühreif

Auch Rainer Wachtstetter kennt das Potenzial, das im Samtrot steckt – und seine Kunden inzwischen auch. „Einen Spätburgunder-Trinker muss man fast zwingen, einen Samtrot zu probieren“, meint er und lacht spitzbübisch, „und dann sind sie sehr überrascht, wenn sie sehen, was möglich ist.“ Dennoch seien die Stilistik und der Charakter anders als beim Burgunder, „eher weich und rund, mit weniger Ecken und Kanten und damit früher trink­reif“. Vor rund 30 Jahren vom Vater gepflanzt, tragen die kleinbeerigen Klone aus alten Rebanlagen von Natur aus wenig – mit einem Ertrag zwischen 40 und 60 hl/ha je nach Qualitätsstufe sind seine Weine samtig-weiche und typisch fruchtbetonte Tropfen, dennoch dicht und strukturiert. Er baut alle Samtrot-Weine im Holzfass und – entgegen der üblichen Praxis in seiner Region – seit zehn Jahren eher trocken aus. Ein guter Essensbegleiter also, und für ihn alternativ zum Spätburgunder zu kombinieren: etwa mit Wild, Lamm oder Pilzgerichten.


Prachtkugeln: Reife Samtrotbeeren
Foto: B. Hill LVBO Weinsberg
Feines Tannin und ausreichend Säure

Bei Karl Eugen Erbgraf zu Neipperg, mit brüderlichen Verbindungen ins Bordeaux, hat Restsüße bei Rotweinen verständlicherweise ebenfalls nichts zu suchen. „Wir machen Weine fürs Essen“, beschreibt Kellermeister Bernd Supp die Philosophie des gräflichen Weinguts in Schwaigern. Auch wenn er weiß, dass „die Leute erst mal den Kopf schütteln, wenn sie beim Samtrot ‚trocken’ und ‚maischevergoren’ hören“, wie er lachend erzählt. Als schönen Burgundertyp bezeichnet er die Rebsorte, die in der Alleinbesitzlage Neipperger Schlossberg wächst und als Auslesequalität geerntet wird: vom Potenzial zwischen den Burgundersorten Spätburgunder („blumiger als Pinor Noir“) und Schwarzriesling („dichter als Pinot Meunier“). 12 bis 14 Monate liegen die Weine in Holzfässern, bevor sie auf die Flasche kommen: mit feinem Tannin, das die Frucht unterstützt, und ausreichend Säure, die ihn frisch erhält. Wozu er passt? „Zu zartem rosa Rehrücken oder gebratenem Fisch auf Linsen“, überlegt er. Für den Samtrot hat Bernd Supp ehrgeizige Ziele, nämlich „Eleganz und Frucht im Wein noch besser widerspiegeln – und in Richtung der großen Burgunder weiterentwickeln“.


Ernte: Der Samtrot wird meist ertragsreduziert geerntet. | Foto: WWG
Eineinhalb Jahre im Holz

Für den Kellermeister der Weinmanufaktur Untertürkheim war 2008 der erste Jahrgang, in dem er Samtrot rebsortenrein ausgebaut hat: im Drei-Sterne- und damit Premium-Bereich und ohne Restsüße. Das war von Anfang an klar, denn „der Betrieb steht für kräftige, trockene Weine“, erklärt Jürgen Off. Eine richtige Entscheidung, wie sich gezeigt hat: „Der Samtrot ist bei uns eine Erfolgsgeschichte“, kann er vermelden. Er steht in guten Lagen, damit er richtig ausreift, der Ertrag liegt um 50 hl/ha, so dass er fruchtbetont, aber dicht und gut strukturiert ist.
Der 2009er-Jahrgang ist noch am Reifen: eineinhalb Jahre im Barrique, dann ein Jahr auf der Flasche – zum Jahresende kommt er dann gerade recht, um „vielleicht nicht gerade Wild, aber gegrillten oder gebratenen Fisch“ zu begleiten, wie Jürgen Off empfiehlt.


Holzreife: Der Samtrot reift langsam im Holzfass. | Foto: Remstalkellerei
Ertragsreduzierter Anbau

Nur einen Ortsteil weiter, in Bad Cannstatt, hat Thomas Zerweck ebenfalls einen Drei-Stern-Samtrot im Angebot. Ebenfalls „nicht im Unterländer Stil“, will heißen: mit geringem Ertrag von 40 hl/ha, trocken ausgebaut und in neuen 500-Liter-Holzfässern gereift. „Wir gehen bewusst in den Premiumbereich“, betont der Kellermeister, „wir wollen zeigen, dass die Rebsorte durchaus geeignet ist, neben Pinot Noir zu stehen.“ Als samtige Variante, cremig-weich mit Fruchtnoten von Himbeer und Kirsche, dazu schmeckbaren Röstaromen wie Kaffee und Mokka, wobei Frucht und Weichheit aber im Vordergrund ständen. Die Weinkritiker hat es überzeugt, denn mit dem 2007er-Jahrgang haben die Cannstatter Weingärtner den Deutschen Rotweinpreis in der Kategorie „Klassische deutsche Sorten“ gewonnen. Die Weintrinker auch, denn derzeit ist alles ausverkauft. „Gegen Ende des Jahres wird der 2010er-Jahrgang gefüllt“, verspricht Thomas Zerweck.

Rechtzeitig zum Fest also, denn als Weihnachtswein ist der Samtrot gut geeignet. Warum zum festlichen Menü nicht gleich eine Vergleichsprobe mit Drei-Stern-Weinen ansetzen – zwei Flaschen sind ohnehin besser als eine und von guten Weinen ist am Ende immer zu wenig da. Und für die Zeit vor dem Essen, danach und dazwischen hat man ja noch die restsüßen Varianten.



Samtrot-Verkostung

Die Stärke des Samtrot-Weins ist sein fruchtiger Charakter und seine weiche Art, da sind sich alle einig. Ob mit deutlicher Restsüße oder doch lieber trocken, ob mit oder ohne Maischeerhitzung, im Stahltank oder Holzfass ausgebaut – da scheiden sich die Kellermeister. Richtig so, denn damit ist die Vielfalt der Stile groß und es gibt Samtrot-Weine für jeden Geschmack – selbst für frankophile Burgundertrinker.


Ein samtroter Tag

Ein schönes Herbstwochenende und ich habe Lust auf Wein. Weißwein ist zu kalt, Trollinger ist zu leicht – die Alternative: Samtrot. Ich wage den Härtetest und beschließe: Heute gibt es ausschließlich Samtrot.

Auch ohne besonderen Feieranlass – ist Wochenende allein nicht schon genug? –, Sekt geht immer. Den gibt’s auch als Samtrot Weißherbst, etwa aus Hausen oder Flein: zartrosa, trocken und mit feiner Fruchtnote, ein beschwingter und mit 11,5 Prozent Alkohol leichter Start ins Wochenende.

Mittags zum gebratenen Fisch – da muss ich jetzt durch – kommt natürlich Samtrot ins Glas, ein
trockener. Und siehe da: Der holzfassgereifte „Karmeliter“ der Weingärtner aus Flein-Talheim macht sich bestens dazu: Mit viel Frucht und weichem Tannin umschmeichelt er das Flossentier. Versuch geglückt.


Lieblich-weich statt friesisch-herb

Nachmittags Fußballbesuch und kein Bier im Haus? Keine Panik, sage ich mir, und versuche es mit halbtrockenen bis lieblichen Varianten. Bei den Genossen im Ländle werde ich fündig, sowohl im Heilbronner Land als auch im Stuttgarter Umkreis. Samtrot Kabinett ist süffig und braucht keine Essensbegleitung – ob aus Flein oder Lauffen, aus Hausen oder dem Remstal ist letztendlich Geschmackssache. Ich sehe: Der Trinkwiderstand ist höchst gering – und jede Flasche schnell leer. Damit lasse ich unsere hopfengestählten Nachbarn den Gerstensaft vergessen und entlocke ihnen mit „Gar nicht schlecht, das“ sogar ein erstaunliches Schwabenlob.

Ich bleibe trinktechnisch beim Trockenen: Ich schnappe mir Rainer Wachtstetters trockene Spätlese aus dem guten Rotweinjahr 2009 – die hätte sicher noch lagern dürfen, ihr Pech, dass sie „leider“ auch jetzt schon zu gut schmeckt: weiches, elegantes Tannin und schöne Länge, feine Würze mit Leder­aromen und trotzdem sehr saftig – wenn der nicht „Trink mich“ sagt? Übrigens würde er auch gut zu geschmortem Geflügel und saftigem Braten passen ... Nächstes Mal. Dann gibt’s auch gleich den „großen Bruder“ Ernst Combé, mit 15 Monaten im Holz ein vielschichtiger und eleganter Kerl, der einen Coq au Vin zum Fliegen bringt!

Samtrot mit Holzeinsatz – ich bin angefixt und entkorke (ja, der hat Echtkorkverschluss) eine trockene Spätlese vom Neipperg’schen Schlossberg. Ich bestätige: Der Graf weiß, was schmeckt – und das lass ich mir auch gern schmecken. Feine Röst- und Raucharomen und dunkle Früchte ergänzen sich prima – burgundischer Stil beim bordeauxverbrüderten Grafen.

Die Drei-Sterne-Weine aus Untertürkheim und Bad Cannstatt sind eine Wucht – stark ertragsreduziert und mit über einem Jahr Barriquereifung so gehaltvoll und dicht, dass ich die restlichen Fläschchen davon noch liegen lasse. Wenigstens bis Weihnachten – denn ein Samtrot dieses Kalibers würde locker mal fünf Jahre schaffen, in denen er sich noch prächtig entwickeln kann. Wenn ich es denn schaffe ...

Am Ende des Tages steht fest: Der Samtrot ist massentauglich, aber er ist kein Massenwein – dank seiner edlen Herkunft und Bandbreite im Ausbaustil. Und er zeigt: Auch ein Softie ist ein ganzer Kerl. Na dann: auf den schwäbischen Burgunder!



Trollinger-Kultur
Von der Schwabenmilch zum Lifestylprodukt

von Gerhard Schwinghammer


Eine Württemberger Genießer-regel lautet: „Ein schwäbisches Fünf-Gänge-Menü besteht aus einem Rostbraten und vier Vierteln Trollinger.“ Die Württemberger Hauptsorte ist ein Stück schwäbischer Kultur. Ein Viertel der Rebfläche ist mit dieser spät reifenden, robusten Sorte bestockt. Deshalb ist das Nationalgetränk der Württemberger, die „Milch der Schwaben“, in der „Trollingerrepublik“ als Existenzgrundlage vieler Betriebe auch ein Wirtschaftsfaktor.

Gefragt sind heute von einem jüngeren Personenkreis zunehmend leichte, unkomplizierte, fruchtig-frische Weine – so jedenfalls sieht es das Deutsche Weininstitut. Für Peter Albrecht, Vorsitzender der Vereinigung der Württemberger Weingüter e.V., steht deshalb fest: „Der Trollinger passt als leichter, fruchtiger, anregender und damit moderner Wein in die heutige Genusswelt. Er ist ein Allrounder.“ Als Life-stylprodukt findet er in der attraktiven 0,75-Liter-Flasche auch beim jungen Weinpublikum immer mehr Freunde.


Verbindung: Trollinger passt immer –
vor, zu und nach dem Essen.
Foto: DWI/Hartmann
Trollinger liebt Pasta

Die genossenschaftliche Württemberger Weinwerbung hat diese Erkenntnis nicht nur optisch umgesetzt. „Trollinger liebt alle Pasta der Welt“ heißt der Slogan, der ihn globalisiert. Der Sommelier Markus del Monego sieht es so: „Es gibt für den Trollinger noch eine Welt jenseits von Linsen und Spätzle.“


Profil schmeckbar lassen

Wichtig für eine gute Zukunft ist nach Meinung der Fachleute, dass das Profil der Regionen deutlich schmeckbar bleibt. Deshalb warnt Michael Graf Adelmann (Kleinbottwar) als VdP-Mitglied davor, den Trollinger „rund“ zu schleifen: „Man muss die Ecken und Kanten betonen.“

Der zehnte, für die gesamte Württemberger Weinwirtschaft offene Trollinger-Wettbewerb fand in diesem Jahr wieder in der Heilbronner Wein Villa statt. Die Überraschung war groß: Ein grundanständiger 2006er Horr-heimer Klosterberg Trollinger trocken aus dem Weingut Dieter Faigle setzte sich an die Spitze – in der Literflasche. „Ich hab’ ihn wie immer gemacht“, versuchte der Wengerter sein Geheimnis für sich zu behalten. Noch im Sieger-sextett waren: 2006er Strümpfelbacher Altenberg Trollinger trocken (Weingut Kuhnle), 2005er Fellbacher Lämmler Trollinger trocken (Fellbacher Weingärtner), 2005er Württemberger Trollinger trocken (Weinmanufaktur Untertürkheim), 2006er Cannstatter Zuckerle Trollinger trocken (Wein­gärtner Bad Cannstatt) und 2005er Württemberger Trollinger trocken (Weinkellerei Kölle in Bönnigheim). Gerade der 2005er präsentierte sich mit kerngesundem Lesegut und früh durchgefärbten Trauben als einer der schönsten Trollingerjahrgänge der letzten zehn bis 15 Jahre.

Dass Fellbach, wo mit rund 45 Prozent der Trollinger die Hauptsorte ist, und Untertürkheim (im letzten Jahr vorn) regelmäßig Siegerweine stellen, ist Ausdruck des konsequenten Qualitätsstrebens. Peter Albrecht: „Das Trollingerniveau ist in den zehn Jahren deutlich gestiegen.“


Qualität vor Menge

Weil gerade beim Massenträger Trollinger Qualitäts- vor Mengendenken stehen muss, wenn man Erfolg haben will, werden in der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg ständig Versuche mit verschiedenen Ertragsreduzierungsmethoden wie Entfernung unreifer Anteile,
eine Traube pro Trieb oder Traubenhalbierung durchgeführt. Derzeit arbeitet der Kelterchef Dr. Dieter Blankenhorn zusammen mit Praktikern und Weinbauschülern an der Profilierung der Sorte. „Der Kunde weiß nicht mehr, was er als Trollinger bekommt. Die Varianz in der Mitte ist extrem groß“, beklagt Arne-Klaus Maier, Technischer Leiter der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg die aktuelle Situation.


Reife Beere des Trollingers
Leitsorte Trollinger

Trollinger, Lemberger, Schwarzriesling und Riesling hat der Weinbauverband Württemberg in seinen „Leitlinien für die Württemberger Weinwirtschaft“ als „imagebildende Leitsorten“ festgeschrieben. Verbandspräsident Hermann Hohl: „Wir müssen dem Verbraucher verstärkt bewusst machen, dass wir in unseren Regionen Spitzenprodukte haben, die keinen internationalen Vergleich scheuen müssen. Nur so gewinnen wir neue Kunden.“ Edmund Diesler, Vorstandsmitglied für die Kellerwirtschaft bei der Württembergischen Weingärtner Zentralgenossenschaft e.G. (WZG), sieht die Zukunft des Trollingers im „modern-trockenen“ Bereich bis etwa 12 Gramm pro Liter Restzucker.

Blankenhorn hat die Weinstile differenziert in „Tradition Württemberg“ für den bisherigen Kunden, der bewährte Württemberger Weine regelmäßig trinkt und über eine gewisse Preissensibilität verfügt, und „Innovation Württemberg“ mit neuen Produkten für neue Zielgruppen.


Standard und Premium

Daneben gibt es Qualitätskriterien wie Standard und Premium. Trollinger, die Cuvée Trollinger-Lemberger und Schwarz­riesling gehören als klassische und angenehm zu trinkende Württemberger Alltagsrotweine in die Kategorien „fruchtigleicht“ und „Tradition Standard“. Lemberger und Spätburgunder passen in die Rubriken „fruchtigkräftig“ und „Tradition Premium“.


Trollingerinnovation

Neue Kreationen, die als moderne Event- und Alltagsweine traditionelle und neue Rebsorten kombinieren und mit Fantasie-namen und Optik besonders attraktiv vermarkten (Standard), stehen für „Innovation“. Dazu gehören für die Zielgruppe junger Leute der „Troledo“ der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg und der „Trollesco“ der Bottwartalkellerei. Die Württemberger Antwort auf den internationalen Wettbewerb sind neben den regionaltypischen Reb­sorten wie Lemberger in höchster Qualität neue Rotweinrebsorten wie Cabernet Cubin, Cabernet Dorsa und Acolon. Synonyme wie Pinot noir und Pinot meunier grenzen im innovativen Premiumbereich die stilistischen Unterschiede im Geschmack dem Verbraucher gegenüber ab.


Beschwingt und fruchtig

Eine ähnliche Kategorisierung gilt für das Weißweinsortiment mit dem Riesling an der Spitze.
Für Dieter Weidmann, Vorstandssprecher der WZG in Möglingen, hat die Württemberger Hauptsorte Trollinger „ihre Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt“. Er will ihn für den Verbraucher „neu erlebbar“ machen. Bei der WZG steht der Trollinger samt seiner Ausprägung Trollinger-Lemberger mit zusammen 48 Prozent der Absatzanteile in der Sortimentsstruktur deutlich vor dem Riesling. Untertürkheims Kellermeister Jürgen Off kennt seine Richtung: „Der ideale Trollinger ist ein leichter, beschwingender und fruchtiger Wein."


Leicht und frisch

„Konsumenten, die diesen leichten, frischen Rotwein in Württemberg kennen und schätzen gelernt haben, fragen auch beim Weinkauf in ihrer Heimat nach solchen Spezialitäten“, weiß Karl Seiter, Geschäftsführer der Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg. Die größte Genossenschaft in Württemberg hat auf 37,28 Prozent ihrer Rotweinfläche Trollinger stehen. Mit der Innovation „Troledo“, einer halbtrockenen Cuvée aus Trollinger, Lemberger und Dornfelder mit zurückhaltendem 11,5-Prozent-Alkoholvolumen, „treffen wir den Geschmack der Kunden“, erlebt Seiter. Auch Heiko Schapitz, Geschäftsführer der Remstalkellerei, kommt mit der Spezialität „Original Trollinger“ aus deutlich ertragsreduziertem Traubengut alter Rebanlagen bundesweit gut an.


Wir brauchen Trollinger

Es ist nicht die Zeit für schamhaftes Verstecken, für herablassende Wengerter- und Gastronomen-bemerkungen über eine regionale Spezialität, auch nicht für Experimente, die den Trollinger in die Beliebigkeit verabschieden. Der Trollinger ist als regionale Spezialität mit Alleinstellungsmerkmal ein wichtiges Vermarktungsinstrument für die Württemberger Weine.

Gert Aldinger, VdP-Vorsitzender in Württemberg, bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen ihn.“



Einfach königlich
Der Lemberger ist die Spitze unter Württembergs Rotweinen

von Ute Böttinger

Der Duft nach schwarzer Johannisbeere, Brombeere, auch Stachelbeere, Holunder und reifer Schwarzkirsche, grüner Paprika dazu ein leicht pfeffriger Abgang: Die Aromencharakteristik des Lembergers verspricht viel Genuss. Gerade jetzt im Sommer zur Grillparty ist die leichte, fruchtige Lembergervariante ideal, im Herbst dann zum Wild passend eher der kräftige, körperreiche und gerbstoffbetonte Lembergertyp.

Foto: DWI
Aber am besten, so sagt Weinmacher Martin Fischer, schmecke der Lemberger mit einem „Bodagfährtle“. So nämlich bezeichne man im württembergischen Weinland einen Rebensaft, dem man den Boden, auf dem er gewachsen ist am Gaumen nachspürt, erklärt der Juniorchef des Weinguts Sonnenhof-Fischer in Vaihingen-Gündelbach. Bevor sich der Weinkenner diesen königlichen Württemberger Rotwein munden lassen kann, braucht es freilich wachsen und werden in Wengert und Keller. Höchste Ansprüche stellt die Rebsorte an Lage und Boden. Der Lemberger liebt ein warmes Klima und windgeschützte Standorte, da er früh austreibt und spät reift. Der Heuchelberg und der Stromberg sind die beiden Regionen im Württemberger Weinland, die für den Lemberger geradezu ideal sind. Am Heuchelberg wächst der Lemberger bis auf wenige Ausnahmen auf ausgesprochenen Südhängen. Der Gipskeuper und die Verwitterungsböden des Schilfsandsteins geben ihm eine besonders markante Note.


Premiumweine

„Würziger und kräftiger“, sagt Andreas Reichert, komme der Lemberger auf diesen Keuperböden daher. Für den Kellermeister der Weingärtner Cleebronn stellt die Rebsorte einen Schwerpunkt im Keller, denn mit 60 von 240 Hektar Rebfläche nimmt der Lemberger mit 24% einen Löwenanteil ein. Unter der Hand des jungen Weinmachers entstehen Weine für höchste Qualitätsansprüche. So kommen die Premiumweine ausschließlich aus selektierten Anbauflächen mit stark ertragsreduziertem Lesegut. „Die Trauben müssen stimmen“, sagt Andreas Reichert. Nur mit „hochreifem durchgefärbten Lesegut lassen sich hohe Qualitäten erreichen“. Maische vergoren und im Holzfass oder auch im Barrique ausgebaut, zählen diese edlen Tropfen zu den Top-Lembergern.

Vollkommen: Reife Beeren des Lembergers; Foto: DWI
Der „Lieblingslemberger“ des ersten deutschen Bundespräsidenten war der „Brackenheimer Zweifelberg“. Seine besten staatstragenden Reden habe Theodor Heuss mit diesem Tropfen im Glas geschrieben. Brackenheim, die Heuss´sche Geburtsstätte, ist in Deutschland die unumstrittene Lemberger-Metropole. Die Weingärtner der Theodor-Heuss-Stadt verstehen sich hervorragend auf An- und Ausbau der anspruchsvollen Rebsorte und setzen damit bewusst auch eine lange Lemberger-Tradition fort: „Dieser Wein gehört zu den besten im Bezirk und eignet sich sehr gut auf das Lager“, notierte etwa anno 1871 der Brackenheimer Oberamtsschreiber. Und auch in Brackenheim wird der Lemberger als Premiumserie ausgebaut. Mit ihrer Linie „Signum“ heimsten die Brackenheimer Weingärtner schon einige Auszeichnungen und Preise ein.


„Vaihinger Löwe“

Auf rund 1700 Hektar Rebfläche wird der Lemberger hier in Württemberg angebaut. Mit Alleinstellungsmonopol, denn nahezu ausschließlich wird diese Rebsorte in Deutschland von den Württemberger Wengertern gehegt und gepflegt. Mit einem Anteil von rund 13% trägt der Lemberger ein gutes Pfund an der hiesigen Rebenlandschaft. Da liegt es nahe, dass auch der deutsche Lembergerpreis hier im Weinland Württemberg ausgelobt wird. In diesem Jahr zum 16. Mal wurde in der Stadt Vaihingen/Enz die Auszeichnung „Vaihinger Löwe“ vergeben. Diese Lemberger-Prämierung mit deutschlandweiter Ausschreibung geht auf die Initiative des in Vaihingen gegründeten Lemberger-Vereins zurück. Aus der „Vaihinger Weinmesse“ heraus, unter Federführung des früheren Vaihinger Stadtbaumeisters, Weinexperten und –geschichtlers Richard Hachenberger wurde der Verein gegründet und schließlich der „Vaihinger Löwe“ als Qualitätssymbol sowohl bei Konsumenten und ambitionierten Weinfreunden, der Gastronomie, als auch bei den Erzeugern positioniert. Die Summe der alljährlich angestellten Weine zeige, dass die schwäbische Vorzeige-Rebsorte immer mehr Freunde findet, erklärt Sprecher Albrecht Fischer vom Gündelbacher Weingut Sonnenhof. In drei Kategorien wird ausgewählt: trocken, mit Restsüße und schließlich die Lemberger aus dem Barrique. Aus 188 angestellten Weinen des Jahrgangs 2007 wurden heuer im März die Sieger ermittelt.


Ein Import

Klassifiziert ist die Rebsorte unter dem Namen „Blauer Limberger“. Die Bezeichnungen „Lemberger“ und „Blaufränkisch“ sind für deutsche Weine dieser Sorte zulässige Synonyme. Ihren Ursprung hat die spätreifende Lembergertraube vielleicht in den Weingärten Österreichs. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Existenz der Rebsorte dort am unteren Donaulauf belegt. Heute ist „Blaufränkisch“ eine typische Rebsorte aus dem Burgenland oder auch dem Anbaugebiet rund um Wien. Übrigens: Die Bezeichnung „Blaufränkisch“ anstelle von Lemberger ist erst vor acht Jahren hier in Württemberg wieder zugelassen. Vermutlich haben napoleonische Truppen während ihrer Feldzüge auch in Ungarn Bekanntschaft mit dem tiefroten Rebensaft gemacht. Einer Legende nach wurden die französischen Truppen von den ungarischen Winzern mit diesem speziellen Wein besänftigt. Die genaue Abstammung des Lembergers ist allerdings bis heute unklar. Muss der Weingenießer ja auch nicht unbedingt bis ins letzte Detail bewiesen wissen.


Dicht, komplex und kraftvoll

Was heute zählt sind die Spuren am Gaumen. Und da eben überzeugen diese intensiven Beerenaromen, kombiniert mit feinen Röstnoten, mit Espresso und Zartbitterschokolade, oder auch Aromen von Vanille, Zimt oder feiner Nelke. Der Lemberger verbreitet südländische Wärme – für die kommenden herbstlichen Tage. Genuss pur!



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