Ein Solitär im besten Sinn des Wortes
In der Region Stuttgart gedeihen edle Weißburgunder

von Manfred Strobach


Hätte man weiland dem Dichterfürsten und Weinfreund Goethe in der Region Stuttgart schon einen Weißburgunder serviert, hätte er bestimmt seine Erkenntnis bestätigt gefunden, dass alles Gescheite nur in der Minderheit existiert. Denn wer in amtlichen Statistiken oder auch mit der Google-Sonde nach dem Pinot blanc aus Württemberg sucht, wird entdecken, dass der Abkömmling der „vitis allobrogica“, also der allobrogischen Rebe aus dem Rhonetal, im Schwabenland seltsamerweise weniger heimisch geworden ist als etwa bei den badischen Nachbarn oder im Elsass.

Rarität: Weingarten mit Weißburgunderreben
– in der Region Stuttgart eher eine Seltenheit
Foto: Simone Mathias
Gleichwohl lohnt es sich, den Wein, der in leuchtendem Grüngold ins Glas und über die Zunge läuft, speziell in und um Stuttgart zu suchen. Freilich wird dabei immer wieder das Bedauern von Chefsommelier Daniel Hasert („Lamm Hebsack“) bestätigt, für den der heimische Weißburgunder immer zu schnell ausverkauft ist. „Was soll gelten, gibt’s nur selten!“, kommentierten schon die Altvorderen. Aber bis der Einwanderer auch im Neckartal diese Erkenntnis bestätigen konnte, sollten noch Jahrhunderte vergehen, belegt von Niederschriften des weisen Plinius in seiner „Naturgeschichte“ im 1. Jahrhundert n. Chr. bis zu Dornfeld und seiner Historie des Weinbaus in Schwaben aus dem Jahre 1868; von eben jener „vitis allobrogica“, der Urmutter der großen und noblen Pinot-Familie bis zu den Großen Gewächsen unserer Tage.

Es ist wohl kaum anzunehmen, dass zum Beispiel die „wirtembergische Hofdomainenkammer“ schon im frühen 17. Jahrhundert am Mönchberg zu Untertürkheim Rebimporte aus Burgund angebaut hat, auch wenn inzwischen der Pinot noir (Spätburgunder) zur Mutationsgrundlage für den Pinot gris (Ruländer) geworden war, aus dem sich dann der Pinot blanc (Weißburgunder) im direkten Sinn des Wortes abgezweigt hat. In rechtsrheinischen Gefilden sind die Burgunder erst nach 1700 wirklich heimisch geworden, auch wenn Karl der Dicke schon 884 im „Königsweingarten“ zu Bodman am Bodensee Rebstöcke dieser Familie anpflanzen ließ, und auch in der Markgrafschaft später Importe aus dem Rhonetal verwurzelt wurden.

Für das Ansehen der Rebfamilie Pinot spricht zudem ihre weitere internationale Verbreitung, unter anderem in der Schweiz, Oberitalien und Österreich, auf dem Balkan, aber auch in Südamerika und Kalifornien. Aber zurück an den Neckar, wo besonders Betriebe aus dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) sehr gut vertreten sind, die für Weine der obersten Klasse die Kategorie „VDP. Erste Lage“ vorbehalten haben. Voraussetzung für diese hohe Zuordnung sind mehrere Kriterien: Geeigneter Wurzelgrund, moderates Klima und vor allem sorgsame Pflege durch den Weingärtner mit der entsprechenden Erfahrung im An- wie Ausbau. Für Erste-Lage-Weine müssen die gesund-reifen Trauben von Hand selektiv gelesen werden, bei einem Maximalertrag von 5o Hektoliter/Hektar und zumindest mit einem Mostgewicht von Spätlesequalität. Vor und nach der Abfüllung werden die Weine von einer Prüfungskommission verkostet und sie dürfen frühestens nach dem 1. September des auf die Ernte folgenden Jahres vermarktet werden.



Grüngold: Eine Freude
für den Gaumen
Foto: Simone Mathias
„Musterknaben“ der Pinotfamilie

Bei solchen Konditionen ist es nicht verwunderlich, dass gerade Erste Gewächse vom Weißburgunder der Abqualifizierung „lediglich ein Zechwein“ nachhaltig widersprechen. Ein Beispiel dafür: der „Stettener Mönchberg“ aus dem Weingut Karl Haidle. Ein kraftvoller, ja opulenter Weißburgunder, geprägt von einer Aromenfülle, mit milder Säure und anregender Würze.

Ähnliches Lob gilt dem „Marienglas“-Weißburgunder vom Untertürkheimer Gips aus dem Hause Aldinger in Fellbach, ebenfalls ein Großes Gewächs, das seinen Namen von den transparenten, ebenflächigen Seleniteinschlüssen im Gipsgestein ableitet, die einst unter anderem zum Schutz von Heiligenbildern genutzt wurden. Im Hause Aldinger wird die „Marienglas“-Version mit besonderer Sorgfalt behandelt, im Barrique ausgebaut und noch acht Monate im Eichenfass auf der Feinhefe gelagert. Ein Beispiel mehr dafür, wie man den vermeintlich schlichten Sommerwein zu besonderer Rasse und Aromatik veredeln kann.

Ebenso wenig ist für das Gewächs, das im Untertürk­heimer Herzogenberg ebenfalls auf Gipskeuper für das Weingut Wöhrwag heranreift, die Formel „Bruder Leichtfuß unter den Burgundern“ angebracht. Eher trifft das Versprechen zu: „ein guter Schluck aus der schwäbischen Seele“.

Kontakt: Etwas Sauerstoff
entfaltet beim Weißburgunder
die Aromen.
Foto: Simone Mathias
Gleichermaßen für den gehobenen Anspruch empfehlen die aus Uhlbach und vom Rotenberg zum „Collegium Wirtemberg“ vereinten Weingärtner ihren Zwei-Stern-Weißburgunder oder die nicht minder qualiätsbewussten Cannstatter Kollegen ihre „Zuckerle“-Abfüllung, die ihre aromatische Eleganz vom Muschelkalk mitbringt.

Wenn man die Analysewerte der hellen Pinotvarianten aus dem Umfeld der Metropole am Nesenbach vergleicht, wird man in der Regel einen Alkoholgehalt von gut 13 Prozent registrieren, während die Säure zwischen 4,5 und 5,5 Gramm pro Liter pendelt, wobei je nach Ausbau der Restzucker selten über 5 Gramm liegt. Insgesamt weist jeweils die ausgewogene Harmonie diese Weißen Burgunder als „Musterknaben“ der noblen Pinotfamilie aus.

Mögen auch der Pinot noir (Blauer Spätburgunder) und der Pinot gris (Grauburgunder) landläufig und vordergründig mehr Wohlwollen genießen, so sind allein die Weißburgunder-Abfüllungen aus Fellbach, Stetten, Untertürkheim, Cannstatt und vom Rotenberg Beweis, wie sich gezielte, genüssliche Umschau für den Weinfreund lohnen kann, weil dabei der Begriff Selektion nachhaltige Bedeutung gewinnt.



Ein optimaler Menübegleiter

Vor der Traubenreife sind übrigens die drei Pinot-Spielarten kaum zu unterscheiden. Erst mit der zunehmenden Reife entwickeln sich je nach Standort die Ausprägung der Traubenfarbe und die Duft- und Aromakomponenten. Als ganz selbstständige Art ist dabei der Weiße Burgunder wohl bereits seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar; in unseren Regionen aber hat sich die Rebe – wie gesagt – erst gut 400 Jahre später weiterverbreitet. Sie stand aber, was ihre Bedeutung angeht, immer – aber nicht immer zu Recht – im Schatten der Arten, aus denen sie mutierte. Insgesamt hat es der weiße Pinot in der deutschen Anbaustatistik auf knapp 4500 Hektar gebracht – also etwa vier Prozent der deutschen Rebfläche. In Württemberg freilich wird dieser Anteil keineswegs erreicht.

Weißburgunder: Milde Säure,
anregende Würze
Foto: Simone Mathias
Gleichwohl sorgt eine beachtliche Zahl von Kennern dafür, dass die Weißburgunder-Qualitäten nicht nur in der Metropolregion am Neckar durchaus anerkannt und meist auch schnell ausverkauft sind. Genießer wissen, dass der ebenso gehaltvolle wie harmonische Weißwein bei einer Trinktemperatur zwischen neun und elf Grad Celsius bei etwas Sauerstoffkontakt in einem Burgunderglas seine Geschmacksfülle bestens entfaltet. Dabei hilft vor dem Servieren auch das Umfüllen in eine Karaffe, damit die Aromen, zum Beispiel reife Birne und Quitte, getrocknete Aprikose und Marzipan, zur Geltung kommen. Im Nachhall können auch Fruchtnoten von Ananas und Orange anklingen.

Wegen der milden Säure und der anregenden Würze empfiehlt sich der Weißburgunder als optimaler Menübegleiter bei gehaltvoller und cremiger Küche, wie zum Beispiel einer Geflügelterrine mit frischen Mandeln und Quittenkompott oder in Safransoße gratinierten Muscheln; weiter empfiehlt Rolf Schlegel, der Patron vom Ochsen in Stetten, Steinbutt mit Morcheln gefüllt neben grünem Spargel in Weißburgundersoße, weiter Poularde mit Trüffelrisotto oder Kalbsragout in einer Blätterteigpastete. Aber nicht nur für die Qualität, die man neudeutsch „food-friendly“ – also im Sinne eines „Freundes guter Speise“ – nennt, ist der Weißburgunder eine Bereicherung für die Palette edler Tropfen aus Württemberg. Er ist ein Geschenk für Genießer und Kenner, die für ihn auf gut Schwäbisch die Wertung gelten lassen: „Es gibt nix Besseres als ebbes Gutes."



Ein Nektar nicht nur für Poeten
Als „Justinus K.“ beweist der Kerner besondere Klasse

von Manfred Strobach


Poetentrank: Der Kerner in Traubenform und in vergorernem Zustand | Foto: Fotolia

Eigentlich könnte der bildhafte Begriff „Wein ist der Nektar der Poeten“ auch aus der Feder des vielseitigen Arztes und Dichters Justinus Kerner geflossen sein. Denn immerhin war der gastfreundliche Schwabe nach eigener Bekundung und der Buchführung seines Sohnes ein begnadeter Intensivanwender heimischer Gewächse.


So soll er aus einem edlen Kristallglas, das ihm Freund und Kollege Nikolaus Lenau geschenkt hatte, in knapp 30iger Jahren „siebzig Eimer“ (= 21 000 Liter) sich und Bacchus geopfert haben. So war es eigentlich mehr als im besten Wortsinn naheliegend, dass, wenn auch erst über 100 Jahre nach seinem Tod, eine Weinsberger
Neuzüchtung dem Mediziner, Literaten und Weinfreund gewidmet wurde.


Trollinger x Riesling = Kerner

Der erfolgreiche Züchter August Herold hatte schon Anfang der 1930-Jahre mit der Kreuzung „Trollinger mal Riesling“ den Grundstein für die Erfolgsgeschichte der interessanten Kombination mit der zunächst sachlich nüchternen Kennziffer S 25-30 gelegt. Aber erst gut 20 Jahre nach Kriegsende wurde dem vielversprechenden Neuling Sortenschutz erteilt. Auch von der Wahl des Taufpaten war der Züchter nicht spontan überzeugt, doch seinen Namen Herold hatte er ja zuvor schon an eine andere Neuzüchtung aus „Portugieser mal Lemberger" vergeben. Und neben dem roten Herold wollte die gestrenge Weinbürokratie einen weißen Herold nicht gelten lassen. Dafür aber machte der Kerner auf Anhieb seinem Züchter wie seinem Paten besondere Ehre, auch wenn die Württemberger Weingärtner ihre Zurückhaltung gegenüber der spät reifenden roten Sorte zunächst auch auf den weißen Neuling übertrugen. Mit seinen besonderen Charaktereigenschaften hatte der Kerner aber auf der linken Rheinseite schon wesentlich mehr Anklang gefunden.


Vollreif: Kernertrauben, bereit für die Lese | Foto: Fotolia

Novize aus Weinsberg

Als Vorzüge von S 25-30 wurde zunächst die robuste Frosthärte und der deutliche Widerstand gegen Rebschädlinge erkannt. Was freilich den Pfälzern und Rheinhessen noch mehr behagte, war die Tatsache, dass der Novize aus Weinsberg mit einer konstanten Ertragstreue und mit Mostgewichten punkten konnte, die deutlich um 10 bis 15 Grad über den Rieslingwerten lagen. Dieser Vorzug in Kombination mit entsprechenden Erträgen und der mehrfach bestätigte Frostwiderstand führten zu einem kleinen Kernerboom am
Ende des letzten Jahrhunderts, als anno 1992 fast 8000 Hektar vor allem linksrheinisch mit der „Trollinger-mal-Riesling“-Kreuzung bestockt waren. Allerdings hat wohl die Begeisterung vieler Winzer für das Merkmal, dass diese Traube in der Ebene deutlich vor dem Riesling mit entsprechend höheren Mostgewichten reift, dem Kelterergebnis nicht nur genützt. Denn der Markt für saftige Schoppenweine bot zunehmend weniger Wachstumsspielraum. Zudem sorgte auch eine Virusinfektion für eine Reduzierung des Bestandes nach der Jahrtausendwende.


Nektar der Poeten

Immerhin übertrifft der weiße Kerner nach wie vor mit einer Anbaufläche von rund 3500 Hektar den roten Bruder Herold um mehr als das Zwanzigfache. Und nach wie vor belegt die schwäbische Poetenrebe in Rheinhessen (über 1100 ha) und der Pfalz (gut 1000 ha) mehr Wurzelgrund als in ihrer Heimat Württemberg (325 ha).


Namenspatron: Justinus Kerner mit Maultrommel auf einem Gemälde Ottavio d'Albuzzis aus dem Jahre 1852
Foto: Wikipedia

Premiumprojekt „Justinus K.“

Allerdings haben – wiederum mit Förderung aus Weinsberg – Landsleute von August Herold mit einer besonderen Initiative den Ruf des Kerners kräftig aufpoliert. Sie haben sich mit der Wertung, ihr Produkt sei wohl achtbar und als Schoppenwein und Durstlöscher von unbestrittener Qualität, nicht abfinden wollen. So wurde vor elf Jahren das Premium-Wein-Projekt „Justinus K.“ gestartet. Inzwischen bekennen sich ein Dutzend Betriebe zu dem Prinzip „Klasse statt Masse“. Der Namenspatron hätte sicher seine Freude an den Landsleuten, die ebenfalls mit Bezug auf seinen Namen schmeckbar beweisen, wie Qualitätsmanagement und kluges Marketing auch im Weinbau zum Erfolg führen können. Interessant und beispielhaft ist in diesem Zusammenhang, dass sich unter der Führung des Staatsweingutes in Weinsberg renommierte Weingüter wie das von Albrecht Kiessling in Heilbronn oder das von Karl Haidle in Stetten mit Genossenschaften aus Heilbronn, Fellbach, dem Bottwartal oder vom Rotenberg auf gemeinsame Qualitätsgrundätze geeinigt haben. Die Beachtung dieser Richtlinien wird von der Gemeinschaft regelmäßig kontrolliert. Und die Grundregeln der „Justinus-K“-Union setzen bereits beim Rebschnitt im Weinberg an. Im Gegensatz zu dem vordergründigen Ziel, in der Ebene möglichst viel und früh zu ernten, werden die Rebstöcke für den Profilwein bevorzugt an Hängen in höherer Lage angebaut, wo den Trauben mehr Zeit zur Reife bleibt und wo sie in kühlen Oktobernächten noch mehr Aroma entwickeln dürfen. Der Ertrag soll 65 Liter pro Ar nicht überschreiten, und in die Kelter dürfen nur gesunde, vollreife Trauben ohne Botrytis (Edelfäule). Bei der kontrollierten Gärung muss ebenfalls sorgfältig auf die Entwicklung der speziellen Aromatik geachtet werden, die den „Justinus K.“ vom einfachen Standardkerner unterscheidet.


Favorit der Gourmets

In diesem Zusammenhang war auch von Bedeutung, dass gastronomische Experten von der Aktion „Schmeck den Süden“ mit an der Wiege des „Justinus K.“ standen und die Wünsche von Spitzenköchen an einen idealen Begleiter an der gepflegten Tafel mit einbringen konnten. So hat das Erscheinen auf den Weinkarten namhafter Restaurants ebenfalls dazu beigetragen, dass das edle Gewächs mit dem poetischen Namen nicht nur als „Nektar der Poeten“ sondern auch als „Favorit der Gourmets“ beweisen kann, welche Klasse in heimischen Weinbergen gedeiht.



Riesling König der Weißen

von Gerhard Schwinghammer


Wenn das Thema Klimawandel den Weinbau erfasst, dann wird in Württemberg zuerst über eine Sorte geschrieben: „Ist der Riesling vom Aussterben bedroht?“ war nach diesem heißen Frühjahr die Frage. Wird der „König der Weißweine“ seine Stammplätze verlassen und künftig in Skandinavien regieren?

Prall: Rieslingbeeren im Widerschein der Herbstsonne
Foto: DWI/Hartmann
Richtig ist: Wenn es mit dem Klima so weitergeht, wird es dem Riesling in unseren Gefilden zu warm. Die kleine Beere mag kühlere Zonen wie am Rhein und seinen Nebenflüssen Mosel und Neckar, wo der spät reifenden Sorte die nötige Zeit zur Ausformung von Frucht und Aroma bleibt. In den südlichen europäischen Ländern findet man ihn deshalb nicht. Der Weinexperte Rudolf Knoll appelliert deshalb: „Die deutschen Winzer müssen sich etwas einfallen lassen, wie sie trotz Hitze weiter frische und anregende Rieslinge zustande bringen, wie sie in der Weinwelt bisher einmalig sind.“

Immerhin wachsen in Deutschland auf 20627 Hektar (ein Fünftel der Gesamtrebfläche) 61,5 Prozent aller Rieslinge der Welt. Sechseinhalb Prozent kommen aus Württemberg, das damit gleich hinter den Anbaugebieten Mosel-Saar-Ruwer, Pfalz, Rheinhessen und Rheingau rangiert. Grund genug für Württembergs Weinbauverbands-Präsidenten Hermann Hohl, sich über den Riesling Gedanken zu machen. Er warnt schon lange davor, den „König“ aus den Augen zu verlieren. Für ihn ist er „die Weißweinsorte, die am meisten Zukunft hat. Er ist in allen Prädikatsstufen spritzig und frisch und passt ins Geschmacksbild des Verbrauchers.“

Der Weinbauverband fordert in seinen im März 2006 einstimmig verabschiedeten Leitlinien seine Mitglieder direkt auf, „der wichtigsten Weißwein-Rebsorte“ die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. „Der deutsche Riesling ist inzwischen so populär, dass die Produktion nicht mehr ausreicht“, weiß Steffen Schindler, Leiter Auslandsmarketing beim Deutschen Weininstitut. Die Nummer eins der Württemberger Weißwein-Hitliste soll am internationalen Verbrauchermarkt teilhaben.


Begehrt: Weißwein findet verstärkt Beachtung; besonders gern wird ein spritziger Riesling getrunken. Foto: DWI/Hartmann
Elegante Rasse

Württemberger Rieslinge sind Weine mit eleganter Rasse. Die Ausgabe 2007 des Gault Millau WeinGuide lässt daran keinen Zweifel und nennt Namen. „Vom Kabinett bis zum Großen Gewächs hat alles eine subtile Rasse und großen Stil“, wird dem Weingut Karl Haidle in Kernen-Stetten bescheinigt. Dort spielt der Riesling mit gut 40 Prozent Anteil eine deutlich größere Rolle als der Trollinger (15 Prozent).

Ähnliche Verhältnisse gibt es bei den Weingütern Bader Kernen-Stetten (44 Prozent Riesling, 12 Prozent Trollinger) mit seinen „gewohnt stahlig-rassigen trockenen Rieslingen“ (Gault Millau), Hans-Peter Wöhrwag Untertürkheim (34 Prozent Riesling, 20 Prozent Trollinger), Medinger Kernen-Stetten (30 Prozent Riesling, 18 Prozent Trollinger), Jürgen Ellwanger Winterbach (20 Prozent Riesling, 15 Prozent Trollinger). Spitzenreiter ist aber der „junge Schwabe“ Jochen Beurer in Kernen-Stetten, mit 50 Prozent Sortenanteil der Rieslingkönig: „Er schmeckt anders als jeder Riesling aus anderen Regionen. Er ist unverwechselbar.“ Das Stettener „Brotwasser“ gehört zu den besten Rieslinglagen Württembergs.


Frisch: Rieslingtraube, die noch die Chance hat, zu einem eleganten, fruchtigen Sommerwein verarbeitet zu werden. Foto: DWI/Hartmann
Großes Gewächs

Württembergs VdP-Vormann Gert Aldinger (30 Prozent Riesling, 25 Prozent Trollinger) konnte mit dem Großen Gewächs des Riesling-Jahrgangs 2005 „die Messlatte für das Anbaugebiet noch einmal um ein paar Zentimeter nach oben schieben“, schreiben die Gault-Millau-Kritiker. Sein Rezept: „Unsere Rieslinge haben eine Riesenchance, wenn wir noch mehr die Frucht herausarbeiten. Die Leute springen auf duftige Weine an.“

Auch im nördlichen Württemberger Anbaugebiet hat der Riesling Schwerpunkte. Gerade in der zusammenhängenden Weinregion Hohenlohe und Weinsberger Tal findet er ideale klimatische Voraussetzungen. Für Siegfried Röll, Geschäftsführer und Kellermeister der Weinkellerei Fürst zu Hohenlohe-Oehringen, prägt der Riesling „unsere Region“. Mit 120 Hektar ist er die Hauptrebsorte der Weinkellerei Hohenlohe. „Der Erfolg am Markt gibt uns recht“, analysiert der hauptamtliche Vorstandsvorsitzende Dieter Waldbüßer seine Rebflächenverteilung mit doppelt so viel Riesling wie Trollinger.

Eine ausgeprägte Rieslinggemeinde ist auch Lehrensteinsfeld. Albert Kallfelz, Geschäftsführer der Weingärtnergenossenschaft, blickt über den eigenen Horizont hinaus: „Württemberger Rieslinge können überall gut mithalten.“ Am westlichen Ende des Weinsberger Tals liegt der Riesling bei der großen Genossenschaftskellerei Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg mit 28 Prozent vor dem Trollinger mit 25 Prozent Rebflächenanteil.

„Als die Riesling-WG in Württemberg freut es uns sehr, dass allgemein Weißwein, aber vor allem die Sorte Riesling wieder verstärkt Beachtung findet. Dies hat für einen deutlichen Nachfrageschub gesorgt“, stellt Reinhold Fritz, Geschäftsführer der Weingärtner Flein-Talheim fest.

Allerdings tun die Betriebe neben der Arbeit in Weinberg und Keller einiges dafür. In Hohenlohe widmet man sich mit dem regelmäßig beim Weindorf in Öhringen verliehenen Weißweinpreis in besonderer Weise dem Riesling. Zum zehnten Mal wurde die begehrte Auszeichnung in diesem Jahr vergeben. Als erfolgreichste Teilnehmerin erwies sich mit dem Verrenberger Lindelberg die Weinkellerei Hohenlohe mit drei erstplatzierten Rieslingen in vier Kategorien. Auch während des Heilbronner Weindorfs gibt es alljährlich im September einen Rieslingwettbewerb.

Der Weinkritiker Rudolf Knoll, der alle zwei Jahre den Erzeugerpreis „Pro Riesling“ auslobt und dazu im Mai zum Testmarathon mit 14500 Anstellungen in Weinsberg war, lobt: „2006 ist Württemberger Weißwein in die Zweite Liga aufgestiegen.“ Mit ein wenig mehr „Ertragsdisziplin“ kann er sich sogar die Erste Liga vorstellen. Das „aufgeschlossene und selbstkritische Remstal“ sowie den Raum Stuttgart sieht er da schon etwas weiter als das Unterland mit Heilbronn.



Sommerwein

Junge, leichte Rieslingweine sind herrliche Sommerweine. Ein klassischer Riesling Kabinett mit elf Volumenprozent eignet sich für den Genuss an heißen Tagen. „Alkohol ist im Sommer weniger gefragt als Frische, Fruchtigkeit und Eleganz, und das sind gerade die Stärken der deutschen Weißweine“, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz.


Trollinger x Riesling

Eine Familiengeschichte darf man nicht vergessen, wenn man in Württemberg über Trollinger und Riesling schreibt. August Herold kreuzte beide 1929 zum Kerner. In seiner heutigen Ausformung als „Justinus K.“ wird er dem Verbraucher als zeitgemäßer Weißweintyp angeboten und begeistert die Kunden in zunehmendem Maße.


Begleitmusik für Liebe

„Rieslingweine sind zart wie ein Flirt und ohne Beschwer. Sie machen munter und frisch, regen den Geist an, aktivieren den Witz, beflügeln die Fantasie, schärfen die Klingen für ein pointenreiches Gespräch und sind eine mozartische Begleitmusik zu den Plänkeleien der Liebe.“


Thaddäus Troll


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