Weinbau: Der lange Weg bis zum Genuss | Foto: DWI/Hartmann
Die Wiederentdeckung der Weinbergkräuter

Neue Heimat für alte Kulturpflanzen

von Claus-Peter Hutter



Während Spitzenköche wie Vincent Klink, Armin Karrer, Martin Öchsle und Bernhard Diers schon vor einigen Jahren Weinraute, Mauerpfeffer und Wilden Majoran für die Küche quasi als heimische Exoten wiederentdeckten, hat es doch einige Zeit gedauert, bis alte, früher weit verbreitete Weinbergbegleitpflanzen wieder mehr in das Blickfeld der Wengerter rückten. Wer weiß heute noch, dass die Weinraute wegen ihrer Gerbstoffe dem gärenden Traubenmost beigefügt wurde? Oder dass man mit den dunkelrot-schwarzen Früchten der Kermesbeere den Wein färbte, womit diese Pflanze indirekt als der Vorläufer des ja ursprünglich als Deckwein gezüchteten Dornfelders gelten kann?


Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Berauschend: Leuchtend roter Klatschmohn
im Weinberg; Foto: Claus-Peter Hutter
Auch wenn wir gerne auf solche Weine – wie sie unsere Vorfahren vor 100 Jahren trinken mussten – verzichten und erkennen, dass die scheinbar so gute alte Zeit beileibe nicht immer so gut gewesen sein kann, wie sie in verklärender Romantik immer noch beschrieben wird, ist es doch schade, wenn wir mit den alten Weinbergpflanzen auch ein Stück Kultur, blumenbunte Natur und damit Vielfalt in den Weinbergen verlieren. Sicherlich waren es auch die Flurbereinigungen in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, bei denen auf ökologische Aspekte zu wenig Wert gelegt wurde. Doch das Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen, sondern nur verantwortungsvoll nach vorne. Und heute sind wir wieder ein Stück weiter. Als die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg vor rund 15 Jahren gemeinsam mit der Umweltakademie Baden-Württemberg nach Brackenheim zu den ersten Kongressen zum Thema Weinbau und Umwelt einlud, hätten die Initiatoren selbst nicht geglaubt, dass die damals vorgestellten Weinbergbegrünungen schon nach wenigen Jahren zu nahezu 80 Prozent in die Rebflächen Württembergs einkehren. Auch hier hat es einige Zeit gedauert, bis Vielfalt das zunächst wegen des Boden- und Grundwasserschutzes eingebrachte Einheitsgrün verdrängen konnte.


Kriechender Günsel

„Am Anfang wussten wir nicht, was wir einsäen sollen, und sind halt in die einschlägigen landwirtschaftlichen Erzeugergenossenschaften gegangen. Dort gab’s auch nicht viel anderes als Klee-Gras-Gemische oder Gerste“, erzählen Gert Aldinger und Hans-Peter Wöhrwag vom Vorstand des Verbandes der Prädikatsweingüter in Württemberg (VDP). Doch jetzt gibt es unterschiedliche Saatgutmischungen, die einer möglichst vielfältigen Bodendeckung nahekommen, und auch entsprechende Anbieter. So manche Wiesenpflanze, wie Schafgarbe, Hopfen, Klee, Wiesensalbei und kriechender Günsel, haben jetzt wieder eine Chance. Aber nur dann, wenn die Wengerter Mut zu mehr Natur in den Weinbaugebieten aufbringen und nicht alles kurz und klein mähen. Dass im Wengert hervorragendes Lesegut heranreifen kann, auch wenn Blumen, Kräuter und Gräser bis zu einem halben Meter hoch stehen, zeigen die Weinberge von Hartmann Dippon, Inhaber des Schlossgutes Hohenbeilstein, unterhalb der markanten Burg Langhans in Beilstein. Damit neben den Wildpflanzen
auch vergessene Nutzpflanzen und Küchenkräuter ihre einst angestammten Plätze wieder einnehmen können, gilt es, in den historischen, mit Naturstein-Trockenmauern terrassierten Lagen, etwa am Mauerkopf oder Mauerfuß oder entlang der Staffeln, Initialpflanzungen vorzunehmen. Auch muss mit der immer noch verbreiteten Unsitte Schluss gemacht werden, die Weinbergmauern mit Herbiziden abzuspritzen. Dies kostet nicht nur Geld, sondern ist auch gesetzlich verboten. Verschiedene Weinbaugenossenschaften und Privatvermarkter haben jetzt im Verbund mit der Umweltakademie Baden-Württemberg begonnen, wieder Kermesbeere, Weinraute, Küchensalbei, Wilden Majoran – besser bekannt als Oregano –, Zitronenmelisse, Rosmarin und Thymian in die Weinberge auszupflanzen. Mit dabei waren die zum Collegium Wirtemberg zusammengeschlossenen WG Rotenberg und Uhlbach, der Cannstatter Weinbaubetrieb Manfred Zaiß, die Bottwartalkellerei, die Weingärtnergenossenschaft Mundelsheim, die Wengerter der Felsengartenkellerei und die Weingärtner Brackenheim. An Pflanzaktionen beteiligten sich auch Mitglieder der WG Dürrenzimmern, und von Anfang an mit dabei waren alle Betriebe des Verbands der Prädikatsweingüter.



Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Würzig: Die Weinraute ist sowohl Heilpflanze als auch kräftiges Gewürz. Im Mittelalter glaubte man, dass sie vor dem „bösen Blick“ schütze. Foto: Claus-Peter Hutter
Küchenstars von gestern

„Wir haben gleichermaßen Verantwortung für Natur und Kultur“, so Michael Graf Adelmann aus Steinheim-Kleinbottwar. Er ging noch einen Schritt weiter und ließ ebenso wie der Privatwengerter und Unternehmer Karl Strenger unterhalb der Stauferburg Lichtenberg bei Oberstenfeld an verschiedenen Stellen einzelne Rebzeilen entfernen und pflanzte in den Wengert Heckensträucher wie Weinrose und Haselstrauch. „Weinbaugebiete sollen sich zu Naturerlebnislandschaften entwickeln, da gehört eine intakte Tier- und Pflanzenwelt dazu“, so Karl Heinz Hirsch, Geschäftsführer beim Württembergischen Weinbauverband. Zur Vielfalt im Wengert gehören auch so manche Pflanzen, die nicht zwischen den Rebzeilen gedeihen können und mehr oder weniger frei stehen sollten. So etwa die Deutsche Schwertlilie, die Holunderschwertlilie oder die Osterluzei. Sie finden in flurbereinigten Weinberglagen am Anfang und Ende der Rebzeilen oder im Bereich von Wegekurven, wo etwa Lesesteinwälle angelegt werden können, einen Platz. Wenn noch mehr Wengerter mitmachen, „dann können wir schon in wenigen Jahren etwa im zeitigen Frühjahr im Weinberg ein wahres blaues Wunder erleben, wenn die Schwertlilien hellblau leuchtend die Landschaft verzieren“, so Prof. Dr. Armin Gemmrich vom Lehrstuhl für Weinbau der Hochschule Heilbronn. Jetzt ist zu hoffen, dass die Küchen­stars von gestern zusammen mit den verschiedenen einst typischen wilden Weinberg-Begleitpflanzen an den Hängen von Neckar und Rems, entlang der Enz, im Bottwartal und im Stromberg wieder eine Zukunft haben.


www.lebendiger-weinberg.de



Steinreiches Neckartal
In den Terrassenweinbergen von Stadt und Region
Stuttgart geben sich Natur und Kultur vielfach die Hand

von Claus-Peter Hutter


Da zahlen so manche Fernreisende viel Geld, um nach Peru zu reisen und dort die Inka-Steinterrassen von Machu Pichu zu bestaunen, dabei schlängelt sich – quasi gleich vor der Haustüre – ein steinernes Wunder entlang des Neckartals und seiner Seitentäler.

Weinstein: Ohne Mörtel wurden die Natursteinmauern der Terrassenweinberge sorgsam
und mit viel Geschick aufeinander gefügt.
Foto: Claus-Peter Hutter
Es sind die terrassierten Weinberge mit ihren Naturstein-Trockenmauern. Kunstvoll zusammengefügte Front- und Seitenmauern sind zusammen mit steilen Wengertstaffeln oftmals mit anstehenden Felsen verwoben. Dazwischen finden sich an manchen Stellen steinerne Gewölbeunterstände und pittoreske alte Weinberghäuschen, die – etwa zwischen Stuttgart-Bad Cannstatt und Ludwigsburg-Poppenweiler – von einer wahren Liebe der Wengerter zu ihren Weinbergen künden. Dabei hätten die Menschen in früheren Zeiten allen Grund gehabt, die schwere Arbeit im steilen Gelände zu hassen. Ohne maschinelle Hilfe mussten Steine gebrochen, herbeigeschafft und mühevoll aufgeschichtet werden. Im Weinberg wurde mühsam von Hand gehackt und gespritzt. Trotz mancher technischer Errungenschaften und Hubschrauberbespritzungen am steilen Hang, verlangt ein terrassierter Weinberg heute fast den dreifachen Aufwand gegenüber modernen Weinbau-Anlagen. Doch dies wird mit einer besonderen Weinqualität belohnt. Denn die Trockenmauern speichern die Sonnenwärme an den Hängen und geben sie während der Nacht wieder an die Umgebung ab. Trockenmauern sind damit nicht nur die Kachelöfen der Steillagen-Weinberge, sondern auch Zeugen einer uralten, bäuerlichen Handwerkskunst. Denn die Fertigkeit des Aufeinanderfügens von Natursteinen ohne Mörtel gehört neben der Verarbeitung von Holz wohl zu den ältesten Bautechniken der Menschheit. Daran erinnern uns so weltbekannte Bauwerke wie die Pyramiden in Ägypten, die Reisterrassen in Thailand oder eben die Ruinen von Machu Pichu und andere Bauten von Inkas und Azteken. Nahezu alle steileren Weinbauhänge in Württemberg waren einst mit Trockenmauern terrassiert. Je nach Umgebung wurden die Trockenmauern kunstvoll mit Muschelkalk-Steinen (z.B. Stuttgart-Mühlhausen und Neckartal bis Lauffen einschließlich Enztal) oder Sandstein (z.B. Stuttgart-Rotenberg und Stuttgart-Uhlbach, Esslingen, Remstal, Bottwartal) errichtet. Und dann gibt es Weinbergterrassen mit Sandsteinmauern mitten in der Stuttgarter City, so etwa am Kriegsberg, gleich hinter den Zentralen von IHK und LBS. Der Bau einer solchen Mauer ist eine wahre Kunst, denn es müssen verschiedene Regeln beachtet werden, soll das Ganze nicht schon bald wieder einstürzen. Dazu gehört, dass das sogenannte Hintergemäuer ebenso sorgsam zusammengefügt werden muss wie die Frontmauer. Je nach Höhe des Bauwerks muss der nicht sichtbare Teil zwischen einem halben und einem ganzen Meter in den Hang hineinreichen. Genauso wichtig: Die Mauer braucht einen Anlauf, das heißt, vom Mauerfuß bis zur Mauerkrone erhält sie eine Neigung nach hinten, was die Stabilität erhöht. Früher musste das Baumaterial noch aus meist nahe gelegenen Steinbrüchen herausgearbeitet, behauen und mit Ochsenkarren oder Pferdegespannen an die Hangkante oder den Fuß der Weinberge transportiert werden.


Blickpunkt: In Stuttgart und Umgebung gibt es gut tausend Jahre alte Weinbergterrassen
zu bestaunen.
Foto: Claus-Peter Hutter
Mauer ohne Mörtel

Wer einmal selbst versucht hat, ein paar Natursteine zu einer stabilen Mauer aufzuschichten, kann ermessen, welche Arbeit geleistet werden musste, um an den sehr steilen Hängen eine Mauer so entstehen zu lassen, dass sich der Wengerter sein Leben lang nicht nicht mehr darum kümmern musste. Dies demonstrierte im Frühjahr Rolf Berner, Vorstandsvorsitzender des Collegium Wirttemberg, Weingärtnergenossenschaft Rotenberg/Uhlbach gemeinsam mit Baden-Württembergs Landwirtschafts- und Naturschutzminister Peter Hauk. Im Rahmen der von der Umweltakademie Baden-Württemberg gemeinsam mit der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau Weinsberg, dem VDP und dem Weinbauverband Baden-Württemberg initiierten Aktion „Lebendiger Weinberg“ wurde in einem historischen Rotenberger Wengert gezeigt, wie man Mauern repariert. Betrachtet man den großen Aufwand, den unsere Vorfahren für das Errichten der Weinberge betrieben haben, so hat man besonderen Respekt vor den Terrassen-Weinbergen. „Es muss alles getan werden, die Steillagenweinberge als lebendiges Kultur- und Naturerbe und wichtige Bindeglieder unserer Kulturlandschaft zu erhalten“, so Minister Hauk beim Pressetermin der Umweltakademie. Während viele der kunstvoll errichteten Mauern, der leichteren Bewirtschaftung wegen vor allem in den Keupergebieten etwa oberhalb von Uhlbach, Untertürkheim, Bad Cannstatt und rings um Fellbach sowie rund um Heilbronn, im Weinsberger Tal, im Zabergäu, im Bottwar-, Kirrbach- und Remstal, den Rebflurbereinigungen vor allem in den 60er- und 70er- sowie den 80er- Jahren des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen, blieben an den steilen Muschelkalkhängen die faszinierenden Terrassenlandschaften erhalten.


Farbe: Die Früchte der Kermesbeeren wurden noch
vor 200 Jahren zum Färben des Weins verwendet. Heute wissen das selbst viele Wengerter nicht mehr. Foto: Claus-Peter Hutter
Steinreich

Zusammen genommen bilden sie ein einmaliges Gesamtkunstwerk bäuerlicher Bau- und Handwerkstradition. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie die Terrassen und die dafür notwendigen Mauern ohne Aufzüge und andere technische Hilfsmittel angelegt wurden. Für die Rebsteillagen des Neckars wurde pro Hektar eine Gesamtoberfläche von bis zu 5000 m2 Trockenmauern errechnet. Diese bieten mit ihren vielen Kleinstrukturen Lebensraum für eine interessante – oft mediterran anmutende – Lebenswelt. Dazu gehören stellenweise Hauswurz, Weinraute, Fetthenne, Osterluzei sowie Mauereidechse, Schlingnatter und Weinhähnchen. Natürlich wurden die Terrassen vor Jahrhunderten nicht aus ökologischen Gründen, sondern aus der puren Not von den Menschen im Neckartal angelegt. Wie an vielen Orten der Erde, waren Steilhänge eben nur durch die Terrassierung wirtschaftlich nutzbar zu machen. Noch gibt es keine genauen Berechnungen, aber aneinander gereiht, dürften die Weinbergmauern zwischen Plochingen und Gundelsheim gut 1300 km Länge betragen. Rechnet man das gesamte Gesteinsmaterial einschließlich des so genannten Hintergemäuers, dann ist hier wohl mehr Gestein vermauert, als in der Cheopspyramide. Aber nicht, um einem einzelnen Herrscher zu huldigen, sondern einfach aus bäuerlicher Not heraus. Und so sind die Weinbergmauern als Kulturerbe und ökologisch bedeutsames Landschaftselement auch Sinnbild für den Überlebenswillen der Menschen im Neckartal. Nimmt man die normalen Kostensätze, welche ein Landschaftsgärtner heute berechnen muss, wenn er das Natursteinmaterial heranschaffen und eine Trockenmauer errichten will, so haben die Weinbergterrassenmauern entlang des Neckars einen Material- und Arbeitsgegenwert von (vorsichtig gerechnet) mindestens 14 Milliarden Euro. Der landschaftsästhetische, landschaftsökologische und kulturelle Wert natürlich nicht eingerechnet! Das Neckartal im Spannungsfeld von Weinbergterrassen und Schlössern, Museen und Industriearchitektur, hätte längst den Status des Weltkulturerbes verdient. Besonders imposant ausgeprägt sind die Steillagenweinberge an den Bereichen Stuttgart-Bad Cannstatt, Stuttgart-Mühlhausen, Ludwigsburg-Poppenweiler sowie entlang des Neckars zwischen Marbach und Ingersheim und entlang der Neckarschlaufen von Mundelsheim, Hessigheim und Besigheim sowie dann wieder zwischen Wahlheim, Gemmrigheim und Kirchheim am Neckar.


Kulturlandschaft

Dieses wertvolle Natur- und Kulturerbe konnte letztlich nur erhalten werden, weil das Land Baden-Württemberg schon frühzeitig begann, Steillagen-Weinbauprogramme aufzulegen, um die mühsame Arbeit der Wengerter zu unterstützen. Die beste Vision für die markanten Hänge ist wohl, sie einfach so für kommende Generationen zu erhalten. Dieser Teil unserer Kulturlandschaft ist so perfekt und einmalig, dass alles Erdenkliche getan werden muss, um auch heranwachsende Wengerter zu motivieren, die mühevolle Arbeit am steilen Hang auf sich zu nehmen. Und hierzu bedarf es aufgeklärter Konsumenten, welche bereit sind, für solcherart erzeugte, hochqualitative Weine auch die entsprechend gerechten Preise zu bezahlen. Dann bleibt nicht nur ein Herzstück der Neckarlandschaft am mittleren und unteren Neckar erhalten, sondern es ergeben sich auch vielfache Chancen für den Landschafts-Erlebnis-Tourismus der Zukunft.



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