Weinbau: Der lange Weg bis zum Genuss | Foto: DWI/Hartmann
Stielfrage
Stielglas oder Henkelglas

von Karin Wiemer



Der Schwabe pflegt eine innige Verbindung zu seinen Weinen. Nein, er trinkt weder alles selbst, noch trinkt er nur Trollinger oder TL, das Ländle-Cuvée. Aber er hält (sich) an einem klassischen Markenzeichen fest: dem Henkelglas. Die Geschichte einer unerschütterlichen Liebe über alle Maße(n).

Vielfalt: Über 1000 Aromen können sich im Wein v erstecken. Da ist ein feines Näschen gefragt. Foto: DWI
Viertelesstreit: Welcher Wein schmeckt in welchem Glas am besten? Foto: Karin Wiemer
Früher hieß es, der Württemberger schlotzt im Durchschnitt das Doppelte an Wein wie der gemeine durchschnittsdeutsche Weintrinker, nämlich rund 40 Liter pro Kopf und Jahr, mittlerweile haben sich die internationalen Gewohnheiten angenähert und trinktechnisch bei etwa 24 Litern eingependelt. Geschlotzt wird allerdings nur hier. Könnte es am Schlotzen liegen, dass hierzulande mehr durch weindurstige Kehlen rann? Selbstversuche zeigen: Schlotzen allein führt nicht zwangsläufig zu höherem Flüssigkeitsverbrauch – es liegt an der Art des Getränks, am Wohlgeschmack, an der Durstigkeit des Schlotzers und an seinen Trinkgewohnheiten.


Württemberger im Henkelglas

Sprich: der Schlotzer hat seine Schlotzmengen selbst in der Hand beziehungsweise im Mund. Und geschlotzt wird heute auch noch.

Liegt es dann am Wein, am Gegenstand des Schlotzens also? Der Trollinger ist der wohl am häufigsten geschlotzte Wein und er ist die Schwabenspezialität an sich, für manche Weinnasen rangiert er wohl noch vor Linsen mit Spätzle oder Maultaschen. Als leicht zu verzehrendes Grundnahrungsmittel können sich auch Küchenunkundige damit eine Zeit lang buchstäblich über Wasser halten, denn die benötigten Fertigkeiten sind gering: Flasche aufschrauben, einschenken. Ins Glas. Natürlich ins Henkelglas.

Der süffige Trollinger könnte also ein Grund sein für einen zuweilen über das normale Maß hinausgehenden Genuss – der andere liegt unter Umständen: im Glas. Denn der württembergische Weinfreund schlotzt traditionsgemäß nicht einfach aus irgendwas, schon gar nicht aus einem gewöhnlichen Weinglas. Ein Henkelglas muss es sein. Wobei die Bezeichnung „Henkelglas“, die zusätzliche Ausstattung, seinen eigentlichen Wert nicht zum Ausdruck bringt und daher eher von Neig’schmeckten und traditionsunkundigen Nachkömmlingen verwendet wird. Denn eigentlich ist es ein Viertelesglas. Ein bauchiges Glasgefäß, ohne Stiel, dafür mit solidem Boden und somit standfest auch bei ausdauerndem Gebrauch. Und das Entscheidende: Es fasst einen Viertelliter.

Den Eichstrich braucht hier aber keiner. Praktischerweise würden jedwede Tricksereien und Geizereien von Seiten des Wirts auf einen Blick und schon von weitem entlarvt: Schließlich muss das Glas voll sein, damit das Maß voll ist, das heißt, sobald die Flüssigkeit über den Rand schwappt, wie bei einer überlaufenden Badewanne, ist das Soll erfüllt. Das Viertele ist mehr als eine Mengenangabe. Es ist das Schwabenmaß an sich. Schon sprachlich ist es die einzig mögliche Einteilung: wie klänge ein Drittele oder etwa ein Fünftele? Völlig unmöglich. Ganz abgesehen von den Streitereien am Glasrand: Wie soll man sich, bitteschön, eine Literflasche teilen mit Fünftele – zu zweit? Oder gar eine Dreiviertelliterflasche? Aber das steht ohnehin meist nicht zur Debatte, denn die ließe sich zu zweit eh nicht gescheit teilen, zwei Gläsle Wein pro Nase müssen schon drin sein. „Die Weinstube und das Viertele gehören einfach zusammen“, sagt Andreas Scherle, seit letztem Jahr Inhaber der alteingesessenen „Weinstube Stetter“ im Bohnenviertel. Das Henkelglas ist für ihn Ausdruck schwäbischer Gastlichkeit und geselligen Beisammenseins. „Man hockt ungezwungener zusammen bei einem Viertele“, hat er festgestellt. Wenn nicht das Gespräch den Wein begleitet, sondern der Wein das Gespräch verflüssigt, dann ist das Henkelglas richtig. Es könnte daher auch Besenglas oder Weinstubenglas heißen.



Badener im Stielglas

Die Alternative, das Stielglas, bietet Weinliebhaber Scherle auch an. „Ein schwäbisches Viertele kommt ins Henkelglas, ein badischer Wein ins Stielglas“, beschreibt der Weinliebhaber die weinpolitisch korrekte Philosophie des Weinhauses. Auch bei Dreiviertelliterflaschen gibt es Gläser mit Stiel dazu. Die „Weinstube Kochenbas“ hält es ähnlich, allerdings gibt es hier gar keine badischen Weine: „Wir sind hier in Württemberg, da gehört das Viertelesglas doch dazu“, sagt man hier, „und die Leute erwarten es auch.“ Christin Wöhrwag kommt aus einer Rheingauer Weinbaufamilie. Sie hatte anfangs ihre Probleme mit dem Henkelglas, genau wie schon mit dem Rheingauer Römerglas, als sie ihrem Mann, Hans-Peter Wöhrwag, in das Untertürkheimer Weingut folgte. Mittlerweile zeigt sich für sie darin ein Stück Originalität.

Kultur und Tradition der Region. „Der Trollinger gehört ins Viertelesglas, das muss man nicht groß zelebrieren“, meint sie. Für anspruchsvolle Weine ist für sie aber doch das Stielglas erste Wahl.

Im „Vetter“, der eher modernen Weinstuben-Variante am Rand des Heusteigviertels, sieht man keine Henkelgläser – dafür spielen Weine aus ganz Deutschland und Europa mindestens so eine wichtige Rolle wie die Württemberger. Hier wird weniger geschlotzt, sondern auch mal in 0,1 Liter-Mengen „probiert“. Für den „klassischen“ Weinstuben-Schwa­ben ein unübliches Verfahren. Aber Achtung: Das „Vetter“ nennt sich ja auch nicht Weinstube, deshalb gibt’s au nix zom Bruddla.

Die Stilfrage ist auch eine Frage des Geschmacks – nicht nur des ästhetischen. Vincent Klink, Sternekoch und Inhaber der Wielandshöhe, setzt durchaus auf Tradition. Er und sein Lokal stehen für regionale Gerichte und Weine. Auf die Traditionsgläser verzichtet er aber. „Für Trollinger und einfache Weine ist das Henkelglas angemessen“, meint er, hält es darüber hinaus aber für überholt: „Das Henkelglas kommt aus einer Zeit, in der man noch sechs Viertele getrunken hat, wie mein Vater“, so der schwäbische Gastronom. Anspruchsvollere Weine, die nach gebührender Anerkennung und Aufmerksamkeit verlangen, verlangen gleichzeitig nach einem anderen Glas: „Der Wein erwärmt sich nicht so schnell, wenn man es am Stiel hält und er entfaltet sich besser“, sagt der Genussmensch. Denn das Glas spielt eine Riesenrolle in der Weinwelt – nicht ohne Grund gibt es zig Ausprägungen und für fast jede Rebsorte eine eigene Glasform. „Aus dem Stielglas entwickeln sich die Aromen auf der Zunge anders“, erklärt Sommelier Andreas Scherle. „Ein frischer, fruchtiger Riesling kommt am besten zur Geltung aus dem Tulpenglas mit leicht nach außen gebogenem Rand, das Burgunderglas verstärkt die cremigen Noten.“ Wer sich intensiver mit Wein beschäftigen will, kann das selbst ausprobieren – und kommt tatsächlich zu verblüffenden Ergebnissen: Ein Riesling aus dem Ballonglas verliert seine Frische und Fruchtigkeit, der Burgunder aus dem kleinen Tulpenglas wird flach und hart. Und aus dem Henkelglas? „Da können sich die Aromen nicht entwickeln“, bedauert der Experte in Sachen Wein. Wer einmal versucht hat, das Viertelesglas zu schwenken, hat nicht mehr Aromen im Glas, sondern weniger Wein. Viele Weinliebhaber schwenken daher um – und verwenden ausschließlich das Stielglas.


Viertelesglas ist gefragt

„Die Nachfrage nach dem Vierteleshenkelglas ist stabil geblieben“, erklärt Manfred Wansner, Vertriebsleiter des schwäbischen Glasherstellers Böckling. Der „schwäbische Weinseidel“, so die offizielle, arg seelenlos-nüchterne Bezeichnung in der Glaswelt, wird hauptsächlich von Weingärtnergenossenschaften in größeren Mengen abgenommen. „Auch bei Weinfesten gibt es mittlerweile oft Stielgläser.“ Es sei allerdings auch eine Frage des Preises: „Die Henkelgläser sind alle mundgeblasen und damit teuer, das geht nicht anders“, so der Vertriebsmann. Wenn das traditionelle Glas aussterben sollte, ist also der Schwabe im Schlotzer selbst schuld. Aber: „Wenn es in 100 Jahren noch Weinstuben gibt, gibt es in 100 Jahren auch noch Henkelgläser“, ist Wansner überzeugt.

Für sein Gourmet-Restaurant „Zur Weinsteige“ hat Andreas Scherle einen Kompromiss gefunden: Auch hier kommt der Württemberger als Viertele in die Gläser, aber in solche mit Stiel und aus kleinen Karaffen im Schwabenmaßstab. Wie heißt es so schön: Da trifft Tradition auf Moderne. Oder auch: Qualität trifft auf Quantität – wenn das dem Schwaben nicht entgegen kommt ...




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